= L E S E P R O B E =

– Gute Erinnerungen Meißel in Stein, schlechte ins Wasser –

Kapitel 3: Thomas – Mensch ärgere dich nicht [1988 – 2000]

Ich schreibe das Jahr 2005. Donnerstag, der 4. April, kurz vor sieben Uhr morgens. Inzwischen wohne ich in einem kleinen Appartement im vierten Stock in Köln-Mülheim – einem Stadtteil, der nicht gerade als vornehm gilt. Frankfurter Straße 75–77, nur einen Steinwurf vom Bahnhof entfernt. Wohl fühle ich mich hier von Anfang an nicht. Zu verdanken habe ich das Jascha, dem ich später noch ein eigenes Kapitel widmen werde.

>1991< Thomas H.

Seit meinen letzten Zeilen an dieser Autobiografie sind inzwischen anderthalb Jahre vergangen. Ich tat mich lange schwer, über meine Zeit mit Thomas nachzudenken und zu schreiben. Noch heute, mehr als sechs Jahre später, schmerzt es, mich daran zu erinnern, auf welch verlogene und hinterhältige Weise er diese lange Beziehung beendete.

Aber was soll’s? Das Leben geht weiter – und wie so oft waren auch die letzten Monate meines Lebens alles andere als ruhig.

Thomas war zu diesem Zeitpunkt unseres Kennenlernens 21 Jahre alt, ich selbst damit zwölf Jahre älter. In den folgenden Wochen erfuhr ich durch die Hallerin, dass Thomas in ziemlich erbärmlichen Verhältnissen in Dortmund lebte. Wie sich später herausstellte, hatte er seit Monaten keine Miete mehr bezahlt, seine Einrichtung bestand mehr oder weniger aus geklauten Kalksandsteinen, und Arbeit hatte er ebenfalls keine.

Durch meinen Kontakt zur Hallerin begegnete ich Thomas in dieser Zeit häufiger. Annäherungsversuche unternahm ich jedoch nicht. Ich habe mich grundsätzlich nie in entstehende oder bestehende Beziehungen eingemischt – und tue das bis heute nicht. Offensichtlich hatte sich zwischen Thomas und der Hallerin damals eine solche, wenn auch recht dubiose, Beziehung entwickelt.

Ich begann also mit der Planung und dem Bau meines gewerblichen Objekts: Büro, Lager und darüber meine Wohnung entstanden gleichzeitig. Für den gewerblichen Teil gab es eine Baugenehmigung, für die Wohnung nicht – ein erhebliches Risiko, denn wäre das aufgeflogen, hätte sofort ein Baustopp drohen können. Mit den Bauarbeiten beauftragte ich Johnny, der mir zuvor auch das Grundstück verkauft hatte. Wir vereinbarten schriftlich einen Festpreis von 175.000 Mark für die schlüsselfertige Fertigstellung des gesamten Objekts – ein Betrag, der mir damals durchaus realistisch erschien.

Kurz nach Beginn der Ausschachtungsarbeiten für das Fundament erhielt ich einen Anruf von Johnny: Es sei ein Baustopp verhängt worden, ich solle sofort kommen. Als ich auf der Baustelle eintraf, sah ich Fahrzeuge der Feuerwehr und wurde Zeuge, wie auf meinem Grundstück eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft und abtransportiert wurde. Es fing also schon gut an. Danach ging der Bau jedoch zügig weiter. Das Gebäude entstand ganz nach meinen Vorstellungen und war bereits im Sommer 1990 bezugsfertig.

>1989< Der Rohbau in Voerde-Friedrichsfeld.

Anfang Februar 1989 kam die Hallerin auf mich zu – Thomas lebte zu dieser Zeit bereits bei ihm in Oberhausen – und fragte, ob ich Thomas nicht zu einer Ausbildung als Groß- und Außenhandelskaufmann verhelfen könne. Da die Hallerin Ausbilder bei einem großen Warenhauskonzern war, hätte sich eine solche Ausbildung über seinen Namen problemlos organisieren lassen.

Zunächst hielt ich das für eine gute Idee. Doch dann verlangte er von mir plötzlich eine monatliche Aufwandsentschädigung für diese Gefälligkeit. In diesem Moment fragte ich mich ernsthaft, was das für ein Freund sein sollte, der Geld dafür verlangt, dass sein eigener Lover über mich eine Ausbildung erhält.

Die Hallerin war psychologisch ausgesprochen geschickt und versuchte wochenlang, Thomas zu manipulieren. Einerseits verbot er ihm eine Ausbildung bei mir, andererseits merkte man deutlich, dass sich Thomas zu mir hingezogen fühlte.

Martin lebte in Dortmund und sollte unsere Beziehung über Jahre hinweg negativ begleiten. Damals ahnte ich noch nicht, wie oft dieser Mann später zwischen Thomas und mir stehen würde. Da er aber der älteste platonische Freund von Thomas war, machte ich mal wieder häufig gute Miene zum bösen Spiel. Ich vermute mal, dass er mich von Anfang an nicht leiden konnte, da ich ihm sein Lieblingsspielzeug weggenommen hatte. Obwohl er nach außen den harten Kerl spielte, war er in seinem Inneren auf dem Stand eines Spätpubertierenden stehen geblieben.

Da Wohnungen für mich ja Spiegelbilder der Seele sind, verriet mir seine Wohnungseinrichtung einiges über ihn. Waren die beiden unter sich, benahmen sie sich teilweise wie hohlköpfige Krabbelkinder. Thomas schien die Zeit mit ihm jedoch zu genießen. Klar, im Gegensatz zu mir, musste er bei Martin sein Gehirn nicht einsetzen. Womit ich nicht ausdrücken will, dass Thomas dumm war. Er besaß lediglich die Fähigkeit, mit so wenig Aufwand als möglich durch sein Leben zu gehen, was ich ja auch noch unterstützte.

Im Frühjahr 1989 begann ich gemeinsam mit Frau Müller, Thomas kaufmännisch in meinem Betrieb anzulernen, und zahlte ihm ein kleines Gehalt. Kost und Logis hatte er ohnehin frei. Als wir später seine alte Wohnung in Dortmund auflösten, zeigte sich auch, wie überschaubar sein Besitz war: Sein gesamtes Hab und Gut passte in den Kofferraum meines Wagens. Die Tinte unter seinem Arbeitsvertrag war noch kaum trocken, da legte Thomas Frau Müller bereits einen Krankenschein vor.

Während ich arbeitete wie ein Besessener, lag Monsieur drei Tage lang auf der Matratze im Kinderzimmer. Natürlich war ich stinksauer – jeden anderen Mitarbeiter hätte ich nach so einer Aktion sofort gefeuert. Thomas jedoch nicht. Ansonsten kümmerte er sich perfekt um den Haushalt, die Hunde – und ein Stück weit auch um mich. Als Kind der Sonne fiel es ihm leicht, sich die Herzen meiner Familie und Freunde zu erobern. Seinem Charme konnte fast niemand widerstehen, und das wusste er auch sehr gut einzusetzen.

Neben der Baumaßnahme gab ich für den Transport von Fenster, Türen und Glas ein kleines Vermögen für einen selbst erdachten Sattelauflieger [LKW] aus. Als Zugmaschine diente ein VW LT 35 Turbodiesel. Den Auflieger ließ ich bei der Firma Hall in Köln bauen. Auf diesem Auflieger ließ ich dann ein von vorne bis hinten durchgängiges, beidseitig beladbares Glasgestell anfertigen. Der Lastzug wurde dann noch mit einer Plane versehen, auf der unübersehbar neben meinem Firmenlogo auch die Regenbogenflagge prangte.

>1990< Teil meines Fuhrparks

Nachdem ich schon einige unfähige LKW-Fahrer feuern musste, konnte ich zu diesem Zeitpunkt Simon gewinnen. Simon war Anfang 20, Hetero und Kroate. Zu diesem Zeitpunkt war der Krieg zwischen Kroatien und Serbien in vollem Gange, und Simon fuhr am Wochenende mal eben in seine Heimat, um ein paar Serben das Licht des Lebens auszublasen. Dennoch erschien er jedes Mal wieder pünktlich am Montag zur Arbeit. Simon war, rückblickend betrachtet, der beste Fahrer, den ich je hatte und er war mir treu ergeben.

Thomas half, wenn auch meist widerwillig, bei dem Be- und Entladen der Lkws, und wenn Not am Mann war, fuhr er auch schon mal selber oder als Beifahrer mit. Zeit seines Lebens hatte er es nicht mit der Arbeit, geschweige denn mit der körperlichen Arbeit, und das führte zwischen uns regelmäßig zu einem völlig unnötigen Kräftemessen, das ich aber aufgrund seiner geschaffenen Abhängigkeit stets gewinnen konnte. Seine Welt war aber eigentlich das Nichtstun und Träumen. Am liebsten begleitete er mich jedoch bei meinen Geschäftsreisen. Da Liebe bekanntlich blind macht, habe ich ihm so einiges durchgehen lassen, wofür ihn ein anderer Arbeitgeber schon längst gefeuert hätte.

Mein älterer Sohn Manuel und Thomas begegneten sich mit etwas Distanz. Weniger problematisch entwickelte sich dagegen der Umgang zwischen Sascha und ihm. Mit der Zeit entstand zwischen ihnen etwas, das an ein Verhältnis von großem und kleinem Bruder erinnerte. Dazu später mehr.

Es muss Mitte 1992 gewesen sein, als wir uns Am Nordturm halbwegs eingerichtet hatten und ich eines Abends – nach langer Zeit der Funkstille – einen Anruf von meiner Ex-Gattin erhielt. Sie hing schluchzend am Telefon. Auf meine Frage, was los sei, erklärte sie mir, unsere Söhne hätten sie um Geld, um viel Geld bestohlen. Auf meine Nachfrage, um welchen Betrag es sich handele, antwortete sie: etwa 9000 Mark. Ich bot ihr an, dass ich in den nächsten Tagen mit den Jungs darüber sprechen würde.

Bereits am nächsten Tag erschien Madame mit Manuel vor der Tür. Was mich allerdings wunderte, war das Gepäckstück, das sie mitgebracht hatte: ein Koffer. Manuel war damals gerade einmal 13 Jahre alt, sein Bruder Sascha nur wenig jünger. Statt Manuel Vorhaltungen zu machen, machte ich sie ihr. Für mich wäre sie als Mutter das Letzte, wenn sie nicht bemerken würde, dass ihre Söhne offenbar über Monate weit über ihre finanziellen Verhältnisse gelebt hatten. Es sollte unsere letzte persönliche Unterredung bleiben.

Am 17. Juli hat mein Vater Geburtstag, und ich fuhr zu ihm, um zu gratulieren. Thomas war aus irgendeinem Grund nicht mitgekommen. Während der Feier – es war ein warmer Sommernachmittag im Jahr 1993 – tauchte für mich völlig unerwartet Sascha auf. Wir hatten uns monatelang nicht gesehen. Als wir uns gegenüberstanden, brachen wir beide in Tränen aus und lagen uns lange in den Armen. In diesem Moment wurde mir klar, wie sehr mir mein Sohn gefehlt hatte.

Ich spürte sofort, dass ihn etwas bedrückte. Deshalb gingen wir in den angrenzenden Wald, um in Ruhe über die Trennung zwischen Heidi und mir zu sprechen. Wie sich herausstellte, hatte sie den Kindern gegenüber ein regelrechtes Vaterfeindbild aufgebaut. Unter anderem behauptete sie wahrheitswidrig, ich hätte ihr nur Schulden hinterlassen und würde weder ihr noch den Kindern Unterhalt zahlen. Ich versuchte, Sascha die damaligen Vorgänge aus meiner Sicht zu erklären. Er war damals erst zwölf. Dabei erfuhr ich auch, dass er seiner Mutter ebenfalls nur noch lästig war. Schließlich fragte er mich, ob er nicht bei uns wohnen könne.

Mit der Zeit lernte ich auch Thomas Eltern kennen. Seine Mutter war deutlich jünger als ihr Mann, der damals schon über 70 war. Für Thomas war der Mann der Stiefvater. Der hatte sich sein Leben lang im Straßenbau krummgelegt, um seine vierköpfige Familie durchzubringen. Die beiden waren vom Intellekt her einfach gestrickt. Typisch Ruhrgebiet halt.

Seine Mutter konnte in meiner Gegenwart ausgesprochen freundlich sein – allerdings spürte ich deutlich, dass diese Freundlichkeit gespielt war. Besonders nervte mich ihre immer wiederkehrende Frage, wann sie denn endlich Oma werden würde. Selbst nachdem Thomas und ich schon über fünf Jahre zusammen waren, stellte sie diese Frage noch.

Seine Eltern lebten in einem kleinen Haus in einer hübschen, hügeligen Landschaft am Rand eines Waldgebietes. Auch wenn ich sicherlich nicht ihrem Idealbild einer Schwiegertochter entsprach, schienen sie mir doch dankbar zu sein, dass ich ihrem Sohn ein sorgenfreies Leben ermöglichte.

Sie arbeitete auch geschickt auf das Ende unserer Beziehung hin. Letztlich war sie es auch, die Thomas später in eine ausweglose Situation bringen sollte. Weder sein Schwulsein noch seine Beziehung zu einem zwölf Jahre älteren Mann akzeptierte sie – ebenso wenig wie der Rest seiner Familie. Zumindest in diesem Punkt war sich die Sippe einmal einig. Doch dazu später mehr.

Bei mir war seine Schwester Ende der neunziger Jahre endgültig unten durch. Zu dieser Zeit praktizierte sie bereits als Heilpraktikerin und stellte über Thomas für mich die Ferndiagnose, ich hätte AIDS. Ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, ihr jemals auch nur einen einzigen Tropfen Blut für irgendwelche Untersuchungen überlassen zu haben. Seitdem betrachte ich den Beruf der Heilpraktiker mit großer Skepsis – mit sehr großer Skepsis. Spätere Erfahrungen sollten dieses Misstrauen noch mehrfach bestätigen.

Ich vergesse nie die lebensgefährlichen Marathonreisen mit meinen Autos zwischen dem Niederrhein und Polen, auf denen mich Thomas meist begleitete, damit wir uns beim Fahren abwechseln konnten. Es war die Zeit kurz nach der Wende, und der Zustand der Autobahnen Richtung Osten war entweder miserabel oder sie befanden sich noch im Bau.

Meistens fuhren wir mitten in der Nacht von Voerde aus los. Eine Strecke von über 800 Kilometern, die wir teilweise in weniger als fünf Stunden zurücklegten und uns dabei mehr als einmal in Lebensgefahr brachten. Der Mercedes 400 SE lief nach Tacho immerhin 250 km/h, bevor er elektronisch abriegelte. Nur Fliegen war schöner.

Manchmal starteten wir nachts, führten tagsüber in Polen Verhandlungen mit allen möglichen Leuten und rasten noch am selben Tag wieder nach Hause zurück. Häufig blieben wir jedoch ein oder zwei Nächte in irgendwelchen polnischen Hotels, wo ich morgens jedes Mal erleichtert war, wenn das Auto noch auf dem Parkplatz stand.

>1993< selbstbewusst, geschniegelt, rebellisch & provokativ

Noch halb beim Strullen machte ich hastig die Hose zu, stürzte aus der Toilette und lief zum Auto. Von Thomas und den Gestalten war zunächst nichts zu sehen. Dann entdeckte ich ihn in einiger Entfernung – begleitet von mehreren Männern – auf dem Weg zu dem Krankenwagen.

Die Situation erfassend, riss ich das Handschuhfach auf, griff nach meiner Pistole (Schreckschuss) und lief hinterher. Ich schrie Thomas zu, er solle sofort zu mir kommen, was er auch tat. Beim Anblick der Waffe verschwanden die Gestalten zusammen mit dem ominösen Krankenwagen so schnell, wie sie gekommen waren.

Ich fuhr Thomas anschließend an, ob er denn nicht begriffen habe, in welche Gefahr er sich gerade begeben hatte. Naiv wie er war, hatte er keine Ahnung – bis ich ihm erklärte, was ich vermutete. Einige Monate zuvor hatte ich von einem Fall in Frechen bei Köln gehört, bei dem Organdiebe einem 16-jährigen Jungen am helllichten Tag vor einem Einkaufszentrum Organe entnommen hatten. Den schwer verletzten Jungen legten sie anschließend wieder in den Kofferraum des Autos seiner Eltern. Zum Glück überlebte er.

Als wir am Sonntagabend von Sylt zurückkamen, gingen wir erschöpft zu Bett. Am Montagmorgen wurden wir von drei Kripobeamten geweckt. Sie präsentierten mir einen Haftbefehl einer Staatsanwältin aus Frankfurt an der Oder.

Nachdem ich mich noch schnell anziehen durfte und ein paar Habseligkeiten einpacken konnte, wurden mir Handschellen angelegt. In einem Zivilfahrzeug ging es anschließend zu einem Haftrichter nach Dinslaken. Ihm schilderte ich meine Version der Geschichte, die für ihn auch logisch und nachvollziehbar war. Er verstand selbst nicht, warum seine ostdeutsche Kollegin in meinem Fall einen Haftbefehl ausgestellt hatte.

Ich schöpfte Hoffnung, als er anbot, mit seiner Kollegin zu telefonieren. Im Verlauf des Gesprächs wurde jedoch schnell klar, dass diese auf der Durchsetzung des Haftbefehls bestand. Damit zerschlug sich meine Hoffnung auf eine sofortige Freilassung. Die Begründung des Haftbefehls konnte ich in den folgenden sechzehn Tagen Untersuchungshaft auswendig lernen – verstehen konnte ich sie bis heute nicht. Wer kauft einen Tag zuvor für 2.500 Mark neue Reifen, wäscht und poliert sein Auto und will es anschließend verschwinden lassen?

Ein Student aus dem Nahen Osten, der zu vier Jahren Haft verurteilt worden war, erzählte mir, dass er lediglich in einer Wohnung anwesend gewesen sei, in der bei einer Razzia ein Gramm Kokain gefunden wurde. In zwei Gefäng-nissen saß ich außerdem mit Untersuchungshäftlingen in einer Zelle, die lazt Staatsanwaltschaft ihre eigenen Töchter vergewaltigt haben sollten. In einem Fall lautete der Vorwurf, ein Vater habe seine damals dreizehnjährige Tochter über tausendmal missbraucht. Statt ihm wegen seines Gejammers eine zu verpassen, war ich jedoch viel zu sehr mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt.

Ich erfuhr in dieser Zeit auch, dass solche Täter im Gefängnis teilweise besser behandelt werden als gewöhnliche Autodiebe, weil sie als psychisch krank gelten. Den Hass vieler Mithäftlinge auf solche Leute konnte ich verstehen. In einem Fall bekam ich mit, wie einer dieser Verbrecher nach einer entsprechenden Behandlung plötzlich im Krankenhaus landete.

Ich selbst wurde nicht angegriffen, obwohl mich wunderte, wie gut die Gefangenen untereinander informiert waren. In jedem Gefängnis wusste man offenbar schon vor meiner Ankunft, dass ich schwul sei und angeblich zu den größten Autoschiebern Deutschlands gehöre. Vielleicht verschaffte mir genau das den Respekt der anderen.

Ich erinnere mich noch gut an Zeiten, in denen ich monatlich zwischen fünfzehn- und fünfundzwanzigtausend Mark Steuern zahlte. Und wieder einmal fühlte ich mich von der Justiz ungerecht behandelt: Ein Ostdeutscher durfte kriminelle Taten begehen, dazu drei unterschiedliche Aussagen machen – und saß keinen einzigen Tag in Untersuchungshaft. Lars Z. hinterließ mir außerdem einen Schaden von über 60.000 Mark bei der Leasinggesellschaft des Mercedes.

Auf eine Entschädigung für meine Haft verzichtete ich. Es wären ohnehin nur ein paar lumpige Mark gewesen. Diese ganze Geschichte führte schließlich dazu, dass ich – nachdem ich Sascha wieder glücklich in die Arme schließen konnte, ein Glück, das nicht lange währen sollte, beim zuständigen Amtsgericht den Konkursantrag für die M. Schwarz Glashandel GmbH stellte.

Mitten in dieser Auseinandersetzung forderte ich ihn auf, auf der Standspur der Autobahn anzuhalten und mich aussteigen zu lassen. Draußen regnete es in Strömen, der graue Nachmittag hing schwer über der A3. Trotzdem hielt er an. Ich stieg aus – in der Erwartung, dass er warten würde, bis ich mich wieder beruhigt hatte. Doch ich sollte mich gewaltig irren.

Thomas fuhr einfach los. Einen Moment lang stand ich einfach nur da und sah zu, wie die Rücklichter des Wagens im dichten Verkehr der Autobahn immer kleiner wurden, bis sie schließlich zwischen den anderen Fahrzeugen verschwanden.

Völlig fassungslos machte ich mich zu Fuß auf den Weg zurück zum Nordturm. Mit frischen Operationsschmerzen im Bauch und Wut im Herzen lief ich los. Die Strecke betrug etwa sieben Kilometer. Jede Minute rechnete ich damit, dass er zurückkommen und mich einsammeln würde. Eine Fehlkalkulation, wie sich herausstellen sollte.

Mit jedem Meter verwandelte sich meine anfängliche Verzweiflung mehr und mehr in Wut. Zuerst heulte ich vor Schmerzen, dann vor Zorn. Während ich durch den Regen stapfte, ließ ich unsere gemeinsame Zeit noch einmal vor meinem inneren Auge Revue passieren und konnte einfach nicht begreifen, was er mir da gerade antat.

Meine damaligen Mitbewerber müssen mich für komplett verrückt gehalten haben, als sie meine Anzeige lasen. Darin suchte ich junge Männer ab 21 Jahren, möglichst mit Abitur – Studenten bevorzugt. Und tatsächlich meldeten sich zwei Jungs. Zwar ohne Abitur und unterhalb des Suchalters, aber optisch für den Anfang durchaus geeignet.

So lernte ich Marc, 19, kennen, mit dem ich später noch einige Turbulenzen erleben sollte. Da ich zu dieser Zeit wieder massive Rückenprobleme hatte, vereinbarten Thomas und ich, dass ich weiterhin im Außendienst arbeitete, während er die Terminorganisation übernahm. Nun musste ich nur noch einen Weg finden, die Agentur bekannt zu machen. Statt wie üblich in einschlägigen Blättern zu inserieren, schaltete ich Anzeigen in ganz normalen Tageszeitungen und Wochenblättern. Und tatsächlich: Die ersten neugierigen Triebferkel meldeten sich.

Um die Agentur richtig ans Laufen zu bringen, machte ich viel Werbung. Natürlich blieb das auch der Polizei nicht verborgen, obwohl ich die zuständige Dienststelle in Essen im Vorfeld über unsere Aktivitäten informiert hatte. In der Anfangszeit erreichten uns immer wieder merkwürdige Telefonate, denen ich zunächst keine besondere Bedeutung beimaß – ein Fehler, wie sich später herausstellen sollte. Wir hatten es uns angewöhnt, nach besonders umsatzstarken Tagen mit den beteiligten Callboys chic essen zu gehen und anschließend noch durch die einschlägigen Lokale zu ziehen.

Auf einer dieser Touren waren wir mit meinem damaligen, schon älteren BMW 735i Alpina B12 unterwegs – eine echte Nuttenschaukel: schwarz lackiert, rote Ledersitze, tiefergelegt, breiter als erlaubt und mit einem Monsterheckspoiler, der auch als Schreibtisch hätte dienen können. Thomas saß nüchtern am Steuer, ich war auf dem Beifahrersitz bereits halb eingenickt. Zwei meiner Jungs saßen hinten, ebenso Ingo, den ich Jahre zuvor in der Condor Sauna in Oberhausen kennengelernt hatte und mit dem sich Thomas inzwischen angefreundet hatte.

Es war gegen 22 Uhr, der Essener Cityring war fast leer; an dieser Stelle fünfspurig. Plötzlich schoss ein Opel Ascona an uns vorbei und stellte sich wenige Sekunden später quer vor unser Auto. Thomas musste eine Vollbremsung hinlegen – und ich war sofort hellwach. Mein erster Gedanke: Konkurrenz. Überfall. Instinktiv riss ich die Beifahrertür auf und stürzte auf den Wagen zu, aus dem zwei Männer sprangen. Ich war bereits im Begriff zuzuschlagen, als sie riefen: „Polizei! Hände hoch!“

Einige Monate später fand ich mich wegen angeblichen Widerstands gegen die Staatsgewalt vor dem Amtsgericht Essen wieder. Noch vor Beginn der Verhandlung hatte ich Gelegenheit, mit der Richterin unter vier Augen über die merkwürdigen Umstände dieser Nacht zu sprechen.

Während des Prozesses verstrickten sich die beteiligten Beamten zunehmend in Widersprüche. Der eine behauptete, sie seien uniformiert gewesen, was sein Kollege kurz darauf bestritt. Ein anderer erklärte, ich hätte mich heftig gegen meine Festnahme gewehrt und mich geweigert, in den VW-Bus zu steigen – Aussagen, die von anderen Beamten wiederum relativiert wurden.

Geradezu absurd wirkte schließlich die Behauptung, es habe sich bei der ganzen Aktion lediglich um eine routinemäßige Verkehrskontrolle gehandelt. Selbst der Staatsanwalt konnte sich kaum erklären, weshalb für eine solche Kontrolle innerhalb weniger Sekunden sechs Streifenwagen vor Ort gewesen sein sollen.

Als ich nach etwa einer Woche halbwegs aus meinem Delirium erwachte, lag ich auf dem Boden meines Wohnzimmers. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, mich selbst von oben zu betrachten – wie ich dort in meinem Jammertal lag. Vor meinem inneren Auge erschien plötzlich ein riesiger Berg. Und ich zwang mich zu dem Gedanken, die Kraft aufzubringen, seinen Gipfel zu erreichen. Es sollte der längste, steinigste und anstrengendste Weg meines bisherigen Lebens werden. Ich musste erneut lernen, dass nicht er der wichtigste Mensch in meinem Leben ist – sondern ich selbst.

Völlig ausgebrannt rappelte ich mich schließlich auf und begann, meine Situation zu überblicken. Ich kam zu dem Schluss, dass es nun darum ging, mit den Trümmern dieser ungleichen Beziehung aufzuräumen. Da Thomas noch immer eines meiner Handys besaß, nahm ich Kontakt zu ihm auf, um zu klären, wie es nun zwischen uns weitergehen sollte. Wie so oft erhielt ich seine stereotype Antwort: „Weiß ich nicht.“

Eine wirkliche Erklärung, warum er die Beziehung auf diese Weise beendet hatte, konnte er mir nicht geben. In den folgenden Wochen wiederholte er immer nur denselben Satz: „Ich brauche meine Freiheit.“ Ich versuchte ihm zu erklären, dass Freiheit auch immer Einsamkeit bedeuten kann. Doch das wollte er nicht hören. Dass er in Wahrheit gar nicht frei war – noch nicht einmal in seinen eigenen Entscheidungen – erfuhr ich erst später.

Aus meiner zum Glück inzwischen verblassenden Erinnerung beschreibe ich ihre Erscheinung kurz so: klein, fett, rote Haare, Schlampe, große Fresse, Brille, Sozialhilfeempfängerin. Schlichtweg: keine Frau, sondern für mich ein asoziales Vieh. Selbst Heteros hätten sie vermutlich nicht angefasst. Anders mein Thomas, wie ich später erfuhr.

Die fette Trulla hatte es sich offenbar zur Lebensaufgabe gemacht, Thomas sexuell umzupolen. Anfangs traf man sich noch zum Kino oder Essen, später wurden daraus gemütliche Kuschelabende. Seine Familie atmete sichtlich auf, dass der liebe Sohnemann nun wohl doch auf dem richtigen Weg sei – und glaubt vermutlich bis heute, Schwulsein sei heilbar.

Ich Trottel, der nicht loslassen konnte, machte wieder einmal gute Miene zum bösen Spiel und litt bei jeder Zusammenkunft Höllenqualen. Immer häufiger tauchte dieses Vieh in Essen auf und blieb bei Thomas über Nacht. Freundlicherweise versuchte man sogar, mich irgendwie in dieses abstruse Verhältnis einzubinden. Als Susanne dann auch noch versuchte, mich in ihre Kuschelmarathons einzubeziehen, bekam ich fast das Kotzen.

In diesem Gespräch lud ich ihn auch zu meinem 44. am 04. Februar ein und sagte ihm, dass er mein einziger Gast sein würde. Als Treffpunkt nannte ich ihm unseren Nobel-Italiener, in dem wir schon öfter zu besonderen Anlässen gespeist hatten. Er nahm die Einladung an – klar, es gab ja wieder etwas umsonst – und wir verabredeten uns für 17 Uhr bei mir zu Hause. Ich hatte mir extra einen neuen Anzug gekauft und einen schönen Tisch reserviert. Es wurde 18 Uhr. Es wurde 19 Uhr. Von Thomas keine Spur. Als ich schließlich enttäuscht auf seinem Handy anrief, meldete sich plötzlich und unerwartet seine Alte mit barscher Stimme. Sie teilte mir schnippisch mit, Thomas werde nicht kommen – sie habe ihm das Handy abgenommen. Mir fehlten die Worte.

Ich saß auf meinem Sofa und dachte, ich sei in einem falschen Film. Er ließ sich von dieser Frau mein Handy abnehmen und verbieten, zu meinem Geburtstag zu kommen? Nach einigem Grübeln kam ich zu dem Schluss, dass Thomas nun auch den letzten Rest meines Respekts verloren hatte. Endlich war das Gummiband unserer Beziehung gerissen.

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