„Die wichtigsten Menschen in unserem Leben sind nicht immer die, mit denen wir alt werden – sondern die, an denen wir wachsen.“
Kapitel 2: Robert – Hiroshima der Gefühle
[1988 – 1992]
Es war im Frühsommer 1988, als mich meine damals noch sehr lebendigen sexuellen Triebe einmal mehr in die Condor-Sauna im Oberhausener Bero-Zentrum führten. Ein Ort, der ausschließlich Herren der Schöpfung vorbehalten war und dessen Geschäftsmodell denkbar einfach funktionierte: Man zahlte Eintritt, und alles Weitere ergab sich – oder eben nicht.

>1988< Bei Robert zu Hause in Aachen
Der Unterschied zu einem klassischen Bordell bestand lediglich darin, dass der Sex hier in der Regel kostenlos war und niemand auf die Uhr schaute. Es sei denn, man hatte nur Zeit für einen Quickie. An diesem Nachmittag lag ich entspannt in einer der kleinen Kabinen, bei offener Tür und gedämpftem Licht, und harrte der Dinge, die da kommen mochten. Nach einiger Zeit fiel mir ein junger Mann auf. Blond, groß, schlank. Er schlich mehrmals an meiner Kabine vorbei und warf dabei jedes Mal einen kurzen Blick hinein. Für jemanden mit meiner damals bereits reichlich vorhandenen Sauna-Routine war das ein ziemlich eindeutiges Signal. Trotzdem tat ich zunächst nichts.
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Robert freute sich hörbar über meinen Anruf, und wir verabredeten uns für den nächsten Tag in Aachen. Von meinem Wohnort Voerde bis dorthin waren es gut zweieinhalb Stunden Fahrt. Doch als ich mich ins Auto setzte, kam mir diese Strecke erstaunlich kurz vor.
Als ich dort ankam, benahm ich mich, rückblickend betrachtet, wie ein aufgeregter Schuljunge. Ich fuhr damals einen dunkelgrauen Mercedes 300 SE und hatte mich offenbar für ein Outfit entschieden, das eher an einen zweitklassigen Film-Zuhälter erinnerte: offenes weißes Hemd, silberne Halskette, enge schwarze Hose und Pilotenbrille.
Später gestand mir Robert lachend, dass genau dieser Look ihn sofort begeistert hatte. Als ich seine Wohnung betrat, lag er entspannt auf dem Sofa – braungebrannt, in enger Radlerhose und bauchfreiem Shirt. Robert war etwa einen halben Kopf größer als ich, schlank und drahtig gebaut, mit kurzen blonden Haaren und dieser fast jungenhaft glatten Haut. Kurzum: Mit etwas Fantasie hätte man ihn auch für den jungen David Bowie halten können.
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Ich rief ihn bereits am nächsten Tag wieder an. Dann noch einmal. Und noch einmal. Wir verabredeten uns erneut, und wieder verbrachten wir einige Stunden miteinander. Danach noch einmal. Und noch einmal. Es begann, sich eine Gewohnheit einzuschleichen.
Dabei war mein Leben zu diesem Zeitpunkt alles andere als einfach. Zu Hause warteten meine Frau Heidi und unsere beiden Söhne – und seit geraumer Zeit auch die schweren Schatten ihrer manisch-depressiven Erkrankung. In den anderthalb Jahren zuvor war ich durch eine Zeit gegangen, die ich rückblickend nur noch als Hölle bezeichnen kann. Verantwortung, Sorgen, Angst – und die ständige Frage, wie lange ein Mensch diese Belastung eigentlich noch aushält.
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Schon lange vor Robert hatte ich mir ein Leben eingerichtet, das viel Bewegung kannte. Wohnmobil oder Wohnwagen gehörten für mich fast selbstverständlich dazu. Tagsüber arbeitete ich, abends landete ich irgendwo zwischen Köln, Frankfurt oder anderen Städten, wo sich das Nachtleben abspielte. Dieses Nomadenleben hatte für mich durchaus seine Vorteile. Man konnte kommen und gehen, wann man wollte. Bindungen blieben locker, Begegnungen flüchtig. Und manchmal hatte ich das Gefühl, dass sich für manche meiner damaligen Verehrer eine Drehtür an meinem Fahrzeug gelohnt hätte.
Trotzdem hielt ich mich an eine kleine persönliche Regel: Ganz im Dunkeln wollte ich niemanden kennenlernen. Wenigstens einmal mussten sich meine nächtlichen Bekanntschaften kurz unter einer Laterne zeigen. Eine Erfahrung in einer stockfinsteren Klappe im Frankfurter Palmengarten hatte mich diesbezüglich vorsichtig gemacht.
Eigentlich liebte ich dieses Leben. Doch in jener Woche am Aachener Weiher begann ich zum ersten Mal zu ahnen, dass sich etwas verändert hatte. Denn während draußen das gewohnte Nachtleben weiterlief, saß ich allein im Wagen, hörte Roberts CD – und wartete.
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In jener Zeit war ich ein regelrechter Workaholic – und wahrscheinlich auch sexsüchtig. Ich arbeitete wie besessen, suchte nachts Ablenkung im Sex und versuchte auf diese Weise vieles zu kompensieren. Paradoxerweise erfüllte ich dennoch meine ehelichen Pflichten so, dass Heidi daran nichts auszusetzen hatte.
Als mir klar wurde, dass es mit Robert etwas anderes war, musste ich es Heidi irgendwann beichten. Wir saßen auf der Terrasse unseres Hauses in Friedrichsfeld, es war ein wunderschöner Sommertag, als ich ihr sagte, dass ich mich in einen Mann verliebt hatte. Heidi brach zunächst in schallendes Gelächter aus. Sie hätte mir vieles zugetraut – aber das nicht. Ich versicherte ihr, dass es ernst war. Sie glaubte mir trotzdem nicht. Bis ich ihr Robert vorstellte.
Ihre Reaktion war erstaunlich nüchtern. Gegen einen Mann, meinte sie, könne sie ohnehin nicht ankämpfen – und wolle es auch gar nicht. Also beschloss sie, den Zustand einfach zu akzeptieren. In der Folge unternahmen Robert, später auch noch gemeinsam mit Thomas, Heidi und ich sogar einiges gemeinsam. Mir war durchaus bewusst, dass ich Heidi damit eine Menge zumutete. Aber ich war hoffnungslos in Robert verliebt.
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Durch Robert hatte ich damals auch begonnen, mich stärker für spirituelle Fragen zu interessieren. Auf Malta erzählte er mir, dass er in einem früheren Leben in Ägypten gelebt und dort als junger Mann ermordet worden sei. Damals nahm ich das kaum ernst. Jahre später, nach seinem Tod, sollte ich anders darüber denken.
Es gab auf Malta noch ein weiteres merkwürdiges Erlebnis. Wir besuchten eine uralte Höhle, kreisrund angelegt und tief in die Erde führend. Dabei handelte es sich um das sogenannte Ħal-Saflieni-Hypogäum, eine mehrere tausend Jahre alte unterirdische Tempelanlage auf Malta. Die Anlage besteht aus übereinanderliegenden, vollständig aus dem Fels gehauenen Räumen, die teilweise rund wie gewaltige steinerne Kammern wirken und tief unter die Erde führen. Besonders bekannt ist ein Raum, der wegen seiner ungewöhnlichen Akustik „Oracle Room“ genannt wird.
Tiefe Stimmen oder Gesänge erzeugen dort eine Resonanz, die durch die gesamte Anlage getragen wird und einen eigenartig sakralen Klang erzeugt. Besucher berichten immer wieder, dass einzelne Töne sich dort verstärken und durch die Felskammern zu wandern scheinen, als kämen sie aus einer anderen Richtung oder aus der Tiefe des Gesteins selbst.
Mir wurde unheimlich. Noch mehr wunderte mich, dass die anderen Besucher auf diese immer lauter werdenden Klänge überhaupt nicht reagierten. Als wir später wieder draußen im Tageslicht standen, erzählte ich Robert davon. Er sagte, er habe die Töne ebenfalls gehört. Seine Erklärung: In dieser Höhle seien vor Jahrhunderten Menschen aus religiösen Gründen ermordet worden, und ihre Seelen würden dort noch immer umherirren.
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Zu dieser Zeit hatte ich mich innerlich bereits von Heidi gelöst. Robert brachte mir bei, zu dem zu stehen, wer und was ich war. Zuerst kam die innere Kündigung, später dann die tatsächliche Trennung. Er half mir auch, Gefühle offen zu zeigen und auszusprechen. Besonders erinnere ich mich an unsere langen Gespräche, die von einer bemerkenswerten Harmonie geprägt waren – selbst dann, wenn wir kaum ein Wort wechselten. Mit der Zeit verstanden wir uns auch ohne Worte.
Diese Nähe ging bisweilen so weit, dass ich später das Gefühl hatte, mit ihm über große Entfernungen hinweg in Verbindung zu stehen. In späteren Jahren reiste Robert häufig geschäftlich ins Silicon Valley. Er hatte die Deutschlandvertretung von Symantec übernommen und war deshalb regelmäßig in Kalifornien unterwegs. Manchmal dachte ich nur: Ruf mich doch mal an. Und kurze Zeit später klingelte tatsächlich das Telefon.
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Bei unseren gemeinsamen Streifzügen entdeckte ich, wie sehr mich die Wirkung meiner eigenen Ausstrahlung faszinierte. Es machte mir beinahe sportlichen Spaß zu beobachten, wie sich die Stimmung eines Raumes verändern konnte, sobald ich ihn betrat. Ohne ein Wort zu sagen, konnte ich manchmal steuern, ob Menschen Abstand hielten oder sich näher heranwagten.
Da ich mit Robert damals glücklich war, entschied ich mich in der Öffentlichkeit meist für Distanz. Ich erinnere mich an Bars, in denen es plötzlich still wurde, wenn ich den Raum betrat. Einbildung war es wohl kaum. Zu oft hatte ich erlebt, wie sich die Stimmung eines Raumes veränderte, sobald ich ihn betrat. Jedenfalls genoss ich diese vermeintliche Macht. Je nach Laune sorgte ich für gute Stimmung oder für eine spürbare Spannung im Raum.

>1990< Mike / Schnauz ab
Oh Gott, was kommen da gerade Erinnerungen an dieses Hotel und diese Zeit hoch. Der erste CSD, bei dem ich Michael kennenlernte, von dem ich im Kapitel über meine Zeit mit Thomas noch ausführlicher berichten werde. Mein Kampf gegen die ‚Rosa Listen‘, als ich nachts vier Polizisten aufforderte, mir ihre Notizbücher mit den aufgeschriebenen Kfz-Kennzeichen auszuhändigen – was sie erstaunlicherweise auch taten.
Oder meine Schlägerei mit einem Kleiderschrank von einem Bären vor dem Teddy-Treff. Ich hatte ihn gefragt, ob er mich gerade ungefragt an der Theke angepisst habe. Er verneinte. Es war Karnevalszeit, der Laden bumsvoll, die Stimmung ausgelassen, als ich plötzlich etwas Warmes an meinem Hosenbein spürte. Aus dem Augenwinkel sah ich noch, wie dieser Kleiderschrank seinen Puller einpackte. Wohlgemerkt: an der Theke – und ungefragt.
Ich fragte ihn noch einmal, ob er es gewesen sei. Wieder verneinte er. Beim dritten Mal fragte ich ihn bereits draußen auf der Straße, wohin ich ihn inzwischen gezerrt hatte. Selbst nachdem ich ihn die Straße rauf und runter geprügelt hatte, bestritt diese dumme Nuss es immer noch. Robert half bei der Aktion tatkräftig mit – was ihm aufgrund seiner Statur wohl kaum jemand zugetraut hätte. Erst als der Hüne, gelinde gesagt, gar nicht mehr gut aussah, gab er schließlich zu, dass er es gewesen war. Ich sagte nur: „Hättest du das gleich zugegeben, ein Kölsch – und gut wäre gewesen.“
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Allerdings bot mir unsere Beziehung auch zahlreiche Gelegenheiten zu brutalen Schlägereien zwischen uns beiden – die letztlich einer der Gründe für unsere spätere Trennung waren. Ich konnte und kann bis heute nicht verstehen, warum man einen Menschen, den man liebt, verprügeln muss, um ihm seine Liebe zu beweisen.
Robert verstand es allerdings hervorragend, mich über meine Hemmschwelle zur Gewalt zu treiben. Obwohl er sowohl Karate als auch Judo beherrschte, war er mir körperlich unterlegen – oder er spielte seine Fähigkeiten nie aus, weil er es auf eine abartige Weise genoss, von mir krankenhausreif geschlagen zu werden. Mir hingegen war das zutiefst zuwider. Zudem hatte ich in meiner Jugend lernen müssen, mich zu wehren – was Robert zwar wusste, ihm in solchen Momenten jedoch völlig egal war.
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Im Mai 1991 traten Robert und ich unseren Traumurlaub an und flogen über Chicago nach San Francisco. In Florida war ich zwar schon gewesen – 1988 mit Heidi im Wohnmobil –, doch Kalifornien kannte ich noch nicht. Damals ahnte ich noch nicht, dass diese Reise mehr sein würde als nur ein Urlaub. Sie wurde zu einer jener Episoden meines Lebens, in denen Freiheit, Übermut und eine merkwürdige Ahnung von Gefahr dicht nebeneinanderstanden.
Thomas brachte uns zum Flughafen nach Frankfurt. Den Moment unserer Ankunft in San Francisco werde ich nie vergessen. Schon von Deutschland aus hatten wir ein Cabrio gemietet. Kaum angekommen, saßen wir darin, und während aus dem Radio wie bestellt die passende Musik zum Moment erklang, fuhren wir direkt über die Golden Gate-Bridge – noch bevor wir überhaupt unser schwulenfreundliches Hotel bezogen hatten.

Ein unfassbarer Augenblick! Golden Gate-Bridge 1991
Robert zeigte mir schließlich seinen Traumtypen: Al C. W., wie sich später herausstellte, der Besitzer des Spike. Al machte keinen Hehl daraus, dass er eher mich als Robert interessant fand. Robert wiederum glaubte, ich würde nur mit ihm flirten, um ihn zu ärgern – völliger Unsinn.
Zurück im Hotel steigerte sich Robert wegen dieser Nichtigkeit in eine massive Eifersucht hinein. Seine Eifersucht konnte eine Wucht entwickeln, die ich bis heute schwer beschreiben kann. In solchen Momenten brach aus ihm etwas hervor, das zwischen Verzweiflung, Wut und Hilflosigkeit schwankte – und am Ende lagen wir beide erschöpft in einem Chaos, das niemand von uns wirklich gewollt hatte. Am nächsten Morgen sah weder das Hotelzimmer noch sein Gesicht besonders gut aus. Es war wieder einmal alles unnötigerweise mit Blut beschmiert.
Als er schließlich wieder wie ein kleines Kind in meinen Armen lag, beschlossen wir kurzerhand, am Abend noch einmal ins Spike zu gehen und Al zu fragen, ob er Lust auf einen Dreier hätte. Gesagt, getan. Al ließ an diesem Abend die Arbeit ruhen und fuhr mit uns in sein Appartement. Ich muss sagen: Joint, Whirlpool und der Sex mit ihm waren vom Allerfeinsten. Als wir später wieder in unserem Hotelzimmer waren, erkannte selbst Robert, wie überflüssig die Aktion der vorangegangenen Nacht gewesen war. Mit Al drehte ich danach noch ein paar helmlose Runden auf seiner Harley-Davidson durch Los Angeles. In diesem Moment verstand ich plötzlich den amerikanischen Traum von Freiheit.
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Um den Strand überhaupt zu erreichen, musste man von der Straße aus in etwa neunzig Metern Höhe über eine schmale, ungesicherte Felsbrücke gehen. Während Robert das Hindernis überwand, als wäre es ein Laufsteg auf einer Pariser Modenschau, kroch ich – geplagt von Höhenangst – auf allen Vieren darüber.
Unten angekommen bot sich ein spektakulärer Anblick: Hinter uns die hohen Klippen, vor uns der tosende Pazifik, davor gut gebaute Surfer und über allem der eine oder andere wagemutige Gleitschirmflieger.
Unglaublich, aber wahr: Nachdem wir etwa zwei Stunden dösend in der Sonne gelegen hatten, riss uns plötzlich ein dumpfer Aufschlag aus der Ruhe. Nur wenige Meter entfernt war einer dieser Gleitschirmflieger unsanft am Strand gelandet.
Sofort sprangen wir auf und rannten zusammen mit anderen Badegästen zu der Stelle. Der Mann hatte sich bei dem Aufprall schwer verletzt. Etwa zwanzig Minuten später setzte ein Rettungshubschrauber am Strand auf und brachte ihn ins Krankenhaus.
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Unser Taxi stürzte sich in den mehrspurigen Verkehr der Fifth Avenue und raste Richtung Süden durch Manhattan. Bereits als der Wagen anfuhr, wurden wir einem lautstarken Hupkonzert ausgesetzt, ohne zunächst zu wissen, welches Problem der gute Mann hatte. Als ich mich im Fond neben Robert umdrehte, sah ich den Grund: An der Stoßstange des Pakistanis klebte ein schwarzer Jeep Cherokee. Jedes Mal, wenn dieser das Taxi überholen wollte, wechselte der Fahrer abrupt die Spur, um den Jeep daran zu hindern. Das Ganze ging gut zwei Minuten, bis beide vor einer roten Ampel halten mussten. Dem Jeepfahrer war es dabei gelungen, sich direkt vor den Ford zu setzen.
Dann geschah Unglaubliches: Der Jeep fuhr mit durchdrehenden Rädern an, um binnen Bruchteilen von Sekunden eine Vollbremsung zu machen. Dem Pakistaner fehlte die erforderliche Reaktionszeit – er krachte voll in das Heck des Jeeps. Wir vernahmen nur einen ohrenbetäubenden Knall. Für einen Moment dachte ich, die beiden hätten jetzt angefangen zu schießen. Als sich der Rauch etwas verzogen hatte, bemerkten wir, dass der Airbag das gesamte Armaturenbrett herausgerissen und dem Pakistani die Unterarme verbrannt hatte. Nicht auszumalen, wenn ich vorne gesessen hätte. Ohne anzuhalten, hatte zwischenzeitlich der Fahrer des Cherokee seinen Weg fortgesetzt. Zum Glück meldete sich ein junger New Yorker bei der inzwischen eingetroffenen Polizei als Zeuge, sodass wir unseren Weg – diesmal zu Fuß – fortsetzen konnten.

>1992< Mike [re.] in NY Amokfahrer und wir hinten drin.
Damit leite ich nun zu dem bereits kurz erwähnten Chattertreffen im Frühjahr 1992 über. Robert, Thomas und ich fuhren mit meinem neuen, dunkelblauen Audi 100 TDI zu einem Chattertreffen zum Campen ins Allgäu. Das Ganze fand ausgerechnet auf einer Kuhwiese statt. Eigentlich hätte es trotzdem ein nettes Wochenende werden können. Die Betonung liegt auf eigentlich.
Man lernte sich kennen, quatschte über den Chat und soff, was das Zeug hielt. Irgendwann erschien eine junge Münchner aufgetakelte Nobeltriene mit ihrem weißen Porsche 911. Offensichtlich hatte es ein Auge auf mich geworfen, doch ich war längst zu besoffen, um mich noch für irgendetwas zu interessieren – schon gar nicht für Sex. Robert hätte eigentlich wissen müssen, dass mich stark alkoholisiert keine Männer mehr interessierten.
Irgendwann in der Nacht ging ich hackedicht allein ins Zelt und schlief sofort ein. Was ich nicht wusste: Die Münchner Edeltriene schlich kurze Zeit später ebenfalls zu mir ins Zelt – und Robert bekam das mit. Ich wurde von seinem Toben wach. Noch halb im Rausch versuchte ich ihm klarzumachen, dass zwischen mir und dem Münchner nichts gelaufen war und er mich einfach meinen Rausch ausschlafen lassen solle. Robert war jedoch ebenfalls stockbesoffen und begann wieder einmal, auf mich einzuschlagen.
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Was ihn jedoch wirklich aus der Bahn geworfen hatte, war etwas anderes. Die beiden hatten geplant, gemeinsam über Silvester nach New York zu fliegen. Am Morgen des Silvestertages rief sein Lover jedoch völlig unerwartet an und sagte die Reise ab – mit der Begründung, er habe sich wieder mit seiner Ex-Frau versöhnt.
Für Robert brach in diesem Moment eine Welt zusammen. Nach einer langen, teilweise sehr emotionalen Diskussion gelang es mir schließlich, ihn von seinen Mordfantasien abzubringen. Am Abend gingen wir noch zu unserem alten Italiener La Caravella an der Malzmühle essen. Ich weiß bis heute genau, an welchem Tisch wir saßen. Robert trug ein Armband aus Platin mit Brillanten – ein Geschenk, das ich ihm während unserer Zeit einmal gemacht hatte.
Und während wir dort saßen, als wäre all das Chaos der vergangenen Jahre plötzlich weit weg, geschah etwas Merkwürdiges: Wir begannen wieder über gemeinsame berufliche Pläne zu sprechen. Fast so, als würde unsere Geschichte noch einmal von vorne beginnen.
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Einige Tage später erfuhr ich über Klaus – einen Bekannten aus Aachener Zeiten, der sich zwischenzeitlich bei Thomas und mir in Essen wie eine Zecke eingenistet hatte –, dass Robert sich in der Nacht nach unserer letzten Begegnung durch Strangulation das Leben genommen haben soll. Mein erster Gedanke war nüchtern: „Es war deine Entscheidung.“
Doch im Laufe der Zeit bekam diese Geschichte für mich immer mehr merkwürdige Aspekte, die bis heute nicht aufgeklärt wurden – oder vielleicht auch nie aufgeklärt werden sollten. Ich erinnerte mich an das erwähnte Gespräch auf Malta, gleich am Anfang unserer Beziehung. Damals hatte Robert einmal beiläufig gesagt, er würde in diesem Leben ermordet werden. In einem früheren Leben, im alten Ägypten, sei ihm dasselbe schon einmal widerfahren. Auf meine Frage, wer dieser Mörder sei, antwortete er nur: Das dürfe er nicht sagen – sonst wäre sein Leben keinen Pfennig mehr wert.

München – Oktoberfest 1990
„Und Robert: Wenn ich heute in der Lage bin, bis in die Tiefen meiner eigenen Seele zu schauen, dann hat das viel mit dir zu tun. Vor unserer Zeit war ich gefühlsmäßig ein Stein. Erst durch dich habe ich gelernt, meinen Empfindungen freien Lauf zu lassen – zu sagen, was ich wirklich denke, und vor allem der zu sein, der ich bin. Vielleicht begegnen wir uns eines Tages wieder. In einem anderen Leben.“
Manchmal denke ich auch, dass ich mich damals wohl wieder für Robert entschieden hätte, wenn seine gelegentlichen Ausbrüche nicht gewesen wären. Aber Menschen bestehen nun einmal aus allem, was sie sind – aus ihren Stärken ebenso wie aus ihren Abgründen.
Ich schließe hiermit das Kapitel über Robert – wissend, dass vieles ungeschrieben bleibt, aber weiterhin in meinen Erinnerungen existiert.
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