„Wenn die Menschen dich um Fisch bitten, gib ihnen eine Angel.“
Kapitel 6: Matthias [2010 – 2013]
Die Grenzen zwischen Jascha und Matthias H. waren fließend – vermutlich der Grund, warum Jascha schließlich Schluss machte. Gewissheit darüber habe ich bis heute nicht.

>2011< Matthias – Aachener Weiher
Kaum war diese Beziehung beendet, geriet ich in die nächste Katastrophe: dreieinhalb Jahre zwischen Himmel und Hölle, oft nur Sekunden voneinander entfernt.
Als ich Matthias kennenlernte, war er 19 Jahre alt, drogenabhängig und arbeitete als Stricher. Was ich damals noch nicht wusste: Dass der Versuch, seine Seele zu retten, mich dreieinhalb Jahre zwischen Traum und Albtraum führen würde – und am Ende in ein Scheitern, das ich mir lange nicht eingestehen wollte.
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Wie wir uns kennengelernt haben? Im Jahr 2010 war ich gesundheitlich so angeschlagen, dass ich mich nicht einmal mehr auf schlecht bezahlte Nebenjobs bewerben konnte. Meine 52 Quadratmeter große Wohnung war für einen Ein-Personen-Haushalt relativ groß. Der Grundriss erlaubte es mir, den Raum, der ursprünglich wohl als Kinderzimmer gedacht war, ungenutzt zu lassen. So kam mir die Idee, diesen Raum als Bed & Breakfast an schwule Touristen unterzuvermieten. Aufgrund der zentrumsnahen Lage und der günstigen Verkehrsanbindungen war die Vermietung und die damit verbundene Arbeit von zu Hause aus problemlos möglich.
Da das Zimmer vorwiegend an den Wochenenden belegt war, erinnerte ich mich an meine Zeit als Vermittler von Callboys und solchen, die es noch werden wollten. Aufgrund meiner negativen Erfahrungen mit der Essener Polizei und um im Sozial- und Finanzamt keine schlafenden Hunde zu wecken, begab ich mich Anfang 2010 über das schwule Internetportal Planet Romeo, das auch ein eigenes Escort-Portal betrieb, auf die Suche.
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Keine drei Tage später klingelte es an meiner Wohnungstür. Da ich aus Sicherheitsgründen unangemeldeten Besuchern grundsätzlich nicht die Tür öffne, blickte ich durch den Türspion. Davor stand Matthias, den ich zunächst nicht erkannte, da er dieses Mal gepflegt aussah. Ich ließ ihn herein und bat ihn, am Küchentisch Platz zu nehmen. Zunächst teilte er mir mit, dass sein thailändischer Kollege an einer Vermittlung nicht mehr interessiert sei. Dann sagte er, dass er künftig für mich arbeiten wolle. Im Laufe unseres Gesprächs erfuhr ich unter anderem, dass er 19 Jahre alt sei und aktuell bei dem Thailänder in Frechen wohne. Als ich ihn um eine Überprüfung seiner Personalien bat, teilte er mir lapidar mit, dass er keinen Personalausweis besitze. Ich sagte ihm, dass ich aktuell keine Kunden für ihn habe, er sich aber in den nächsten Tagen noch einmal melden solle. Er gab mir seine Handynummer und verabschiedete sich.
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Seine Lebensgeschichte begann ebenfalls ungewöhnlich: Als Säugling war er in einem Schuhkarton vor einer Kirchentür im Mönchengladbacher Ortsteil Hardt ausgesetzt worden. Auf der Schachtel standen mit schwarzem Filzstift lediglich sein Vorname und sein Geburtsdatum. Noch am selben Tag fand sich innerhalb der Gemeinde ein Ehepaar, das bereit war, ihn nach einem kurzen Klinikaufenthalt bei sich aufzunehmen und später zu adoptieren. So wuchs Mattes mit Geschwistern in einem vergleichsweise behüteten Umfeld auf und erreichte nach der zehnten Klasse einen Hauptschulabschluss mit durchschnittlichen Noten.
Der Bruch erfolgte früh. Über Kontakte geriet er als Minderjähriger in ein Milieu, in dem sexuelle Dienstleistungen für wenig Geld angeboten wurden – zunächst in einem heterosexuell geprägten Bordellbetrieb. Dort kam er erstmals mit Drogen in Berührung. Seine familiären Bindungen zerbrachen endgültig, nachdem er im Alter von 15 Jahren im Drogenrausch gewalttätig geworden sein soll. Von diesem Zeitpunkt an bewegte er sich zunehmend in einem Umfeld aus wechselnden Bekanntschaften, Gelegenheitsunterkünften und finanzieller Unsicherheit.
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Mattes besaß keinen gültigen Ausweis mehr. Ob verloren, gestohlen oder schlicht irgendwann nicht verlängert – die Versionen wechselten. Sicher war nur: Ohne Meldeadresse stellte keine Behörde einen neuen aus. Ohne Ausweis wiederum ließ sich keine Meldeadresse begründen. Ein klassisches Henne-Ei-Problem, das sich in der Praxis erstaunlich resistent gegen gesunden Menschenverstand zeigt.
Also begann ich, mich durch Zuständigkeiten, Formulare und Öffnungszeiten zu arbeiten. Bürgeramt, Einwohnermeldeamt, Jobcenter, Sozialamt, Krankenkasse, Amtsgericht – eine Zuständigkeit schob die nächste nach sich. Für jemanden, der strukturiert lebt, ist Bürokratie lästig. Für jemanden wie Mattes ist sie eine nahezu unüberwindbare Barriere. Rückblickend war das vermutlich der Moment, in dem ich begann, Verantwortung zu übernehmen, die nicht die meine war.
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Um Matthias wieder in die Spur zu bringen, setzten wir uns am nächsten Morgen an meinen Küchentisch und erarbeiteten gemeinsam eine Checkliste mit den in den kommenden Tagen und Wochen zu erledigenden Aufgaben. Dabei wurde die Liste immer länger. Wie es meine Art ist, setzte ich mich anschließend an meinen Rechner und erstellte eine nach Prioritäten gestaffelte Aufstellung, die wir beide unterschrieben. Ein Exemplar gab ich Matthias und bat ihn, alles daranzusetzen, damit wir die gesetzten Ziele erreichen. In dieser Zeit stellte ich auch seine Begeisterungsfähigkeit fest. Wir hatten die Liste mit der Überschrift ‚Keine Drogen!!!‘ versehen.
Am Nachmittag verabschiedete er sich von mir, ohne den Haustürschlüssel mitzunehmen. Er wollte wichtige Dokumente von einem seiner zwielichtigen Kollegen oder Freier besorgen. Ich bat ihn, bis 22 Uhr zurück zu sein. Es wurde 23 Uhr, es wurde 24 Uhr. Irgendwann schlief ich ein. Auch in den folgenden Tagen erreichte mich von ihm kein Lebenszeichen. Okay, dachte ich mir. Stricher eben. Damit war für mich das Projekt Matthias erledigt.
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Ich begrüßte ihn frostig und begab mich ins Schlafzimmer. Schon auf dem Weg dorthin wunderte ich mich, dass Mattes nicht nur die Küche aufgeräumt und das Geschirr gespült und weggeräumt, sondern auch mein Schlafzimmer in Ordnung gebracht hatte. Das hielt mich jedoch nicht davon ab, ihm eine Standpauke zu erteilen. Er versprach, sich künftig an getroffene Vereinbarungen zu halten. Ich glaubte ihm kein Wort.
Am nächsten Morgen legte er mir tatsächlich eine Handvoll zerfledderter Briefumschläge mit einer mir unbekannten Anschrift auf den Tisch. Aus einem der Schreiben fiel eine Rechnung der Uniklinik Köln über mehr als 4.000 Euro. Der Diagnose war zu entnehmen, dass er in der Kölner Altstadt wegen Bewusstlosigkeit infolge übermäßigen Drogen- und Alkoholkonsums in einem Rettungswagen eingeliefert worden war.
Die folgenden Tage verbrachten wir damit, uns mit seiner ehemaligen Krankenkasse und dem Einwohnermeldeamt auseinanderzusetzen – mit Erfolg. Nach vierzehn Tagen hatte er wieder eine gültige Krankenversicherung und einen neuen Personalausweis mit meiner Meldeadresse. Damit wohnte er nun offiziell bei mir. Allerdings nicht lange.
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Als ich ihn dann in der Clean-Phase eindringlich dazu aufforderte, mir zu bestätigen, dass Spanky während meiner Abwesenheit von ihm die Finger gelassen hatte, verneinte er zunächst. Doch mein Gefühl täuschte mich nicht. Schließlich gab er zu, dass Spanky ihn mehrfach zu dessen Fetisch überredet hatte.
Diese Erkenntnis traf mich härter, als ich es zunächst wahrhaben wollte. Ich hatte Spanky bewusst in eine Vertrauensposition gebracht – nicht als Freund im üblichen Sinne, sondern als jemanden, der helfen sollte, Mattes aus der Drogenspirale herauszuführen. Stattdessen nutzte er genau diese Situation für seine eigenen Bedürfnisse aus.
Maßlos enttäuscht kündigte ich ihm die Freundschaft. Ich konnte nicht begreifen, wie jemand seine sexuellen Gelüste über ein gemeinsames Ziel stellen konnte, das für mich existenziell war. Umso unverständlicher war es für mich, da ich ihn Monate zuvor selbst vor der Obdachlosigkeit bewahrt hatte, als er wegen Mietrückständen die von mir eingerichtete Wohnung auf der Frankfurter Straße aufgeben musste und mehrere Wochen kostenlos bei mir wohnte.
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Apropos Diakon: Im Gegensatz zu mir war Matthias gläubiger Katholik. In brenzligen Situationen konnte ich mehrfach beobachten, wie er sich bekreuzigte. Weihnachten 2012 verbrachten wir – als einziges in der gesamten gemeinsamen Zeit – in trauter Zweisamkeit. Auf dem Kölner Weihnachtsmarkt hatte ich ihm eine auffällige, wärmende Strickjacke in Regenbogenfarben geschenkt. Um ihm eine Freude zu machen, beschloss ich, mit ihm an Heiligabend die Christmette im Kölner Dom zu besuchen. Obwohl der Dom gut besucht war, fanden wir tatsächlich noch zwei Plätze in der ersten Reihe.
Der als homophob geltende Kardinal Meißner hielt nur wenige Meter vor uns die Messe, als Matthias plötzlich begann, mich zu küssen. Es war mir zwar etwas unangenehm, doch ich ließ es geschehen – in der Erwartung, dass uns die Kirchendiener umgehend hinauskomplimentieren würden. Doch nichts dergleichen geschah. Ein Stricher und sein Ludel in der ersten Reihe – demonstrativ knutschend während der Predigt. Ich hätte das kurz erstarrte Gesicht Meißners nur allzu gern fotografiert, der seine Ansprache dennoch unbeirrt fortsetzte. Die Jacke tauchte übrigens Monate später wieder auf: Gemeinsam holten wir sie im darauffolgenden Sommer bei einem seiner Stammfreier in Düsseldorf ab.

>2011< Seltener Moment der Glückseligkeit.
In jener Zeit geriet auch ich zunehmend an meine Grenzen. Eines Abends saß ich stark alkoholisiert in einer Szenekneipe und ließ im Suff den Satz fallen, ich würde mir am liebsten die Kugel geben. Eigentlich hatte ich lediglich ein Taxi bestellt. Stattdessen fuhren zwei Streifenwagen vor. Aufgrund meiner unbedachten Äußerung ging man offenbar davon aus, ich könne im Besitz einer Waffe sein. Die Folge war eine unfreiwillige Fahrt in die Psychiatrie – verbunden mit einer anschließenden Hausdurchsuchung.
Da kein Zimmer frei war, musste ich die Nacht auf dem Flur vor dem Aufsichtsraum verbringen. Immer wieder stiegen Patienten über mich hinweg, während ich versuchte, auf einer schmalen Liege etwas Schlaf zu finden. Diese Situation empfand ich als zutiefst entwürdigend und verstörend.
Am nächsten Morgen wurde ich im Rahmen eines Entlassungsgesprächs mehreren Ärzten vorgestellt. Im Verlauf dieses Gesprächs ließ ich mich zu der Bemerkung hinreißen, man müsse wohl selbst einen an der Waffel haben, um freiwillig in diesem Beruf zu arbeiten. Kurz darauf wurde ich entlassen. Rückblickend war dieser Vorfall ein deutliches Zeichen dafür, wie sehr mich die Gesamtsituation bereits psychisch belastete – auch wenn ich mir das damals nicht eingestehen wollte.
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Wenn er abgängig war, suchte ich ihn zusätzlich mit dem Fahrrad in der Kölner Innenstadt. Zwar erhielt ich immer wieder Hinweise, wo er gesehen worden war – in der Szene waren wir längst bekannt wie bunte Hunde –, doch ich traf ihn nie an. Gehässig, wie Tunten sein können, ergötzten sich einige an meinem Leid und berichteten mir genüsslich, in welchem Milieu er sich gerade bewegte. So erfuhr ich eines Tages, er habe auf der Pipinstraße, vor dem ehemaligen Hotel Timp, das für seine Travestieshows bekannt war, völlig verwahrlost einen halb verzehrten Döner aus einem Müllcontainer gezogen und ihn genüsslich verspeist.
Mehrfach erhielt ich auch konkrete Hinweise darauf, bei wem er sich aktuell aufhielt. In einem Fall hatte er Unterschlupf bei einer älteren Transfrau am Friesenplatz gefunden. Als ich dort klingelte, öffnete mir ein Mensch, dessen Erscheinung mich im ersten Moment erschütterte. Die Wohnung war eine Messie-Behausung; die Tür ließ sich nur mit Mühe vollständig öffnen. Auf meine Frage, ob Matthias anwesend sei, antwortete sie knapp: „Ja.“ Er liege berauscht im Bett. Der Zustand der Wohnung erinnerte eher an eine Müllkippe. Dennoch bahnte ich mir meinen Weg durch den Unrat und fand ihn schließlich in einem der beiden Räume – verwahrlost, ausgezehrt, kaum wiederzuerkennen.
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Nunmehr leite ich das Ende meiner letzten – wahnsinnigen – Beziehung ein: meinen Kampf um Mattes. Wir schreiben das Jahr 2023. Nach längerer Abwesenheit stand er eines Nachts wieder vor meiner Tür. Ich ließ ihn wortlos herein und legte mich sofort wieder ins Bett. Da ich nicht einschlafen konnte, beobachtete ich, wie er nach einer kurzen Badrestauration nackt in der Küche mit verschiedenen Gegenständen hantierte. Zunächst konnte ich nicht einordnen, was er dort tat. Als ich jedoch Alufolie, Zitronensäure, einen Löffel und ein darunter gehaltenes Feuerzeug erkannte, wurde mir schlagartig klar, dass er Heroin aufkochte.
Da ich mit dieser Teufelsdroge glücklicherweise keinerlei Erfahrung hatte, war ich bis zu diesem Moment davon ausgegangen, dass Heroin ausschließlich injiziert wird. Dass man es auch rauchen kann, wusste ich nicht. Ohne mein Bett noch einmal zu verlassen, schrie ich ihn an und forderte ihn auf, meine Wohnung umgehend – und für immer – zu verlassen. Nachdem die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, habe ich ihn weder wiedergesehen noch je wieder von ihm gehört.
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