„Ankommen bedeutet manchmal nur, dass man nicht mehr davonläuft.“
Kapitel 1: Heidi – Jahre zwischen Ordnung und Chaos
[1978 bis 1990]
Einleitung
Als ich im Jahr 2000 wohnungstechnisch von Voerde/Niederrhein über Essen nach Köln kam, war nichts mehr übrig, woran ich mich festhalten musste. Die Wohnung war klein, still und nahezu leer, und genau das machte sie zu einem Ort, an dem ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder atmen konnte.

>1977< Äußerlich: ein Mann, der angekommen wirkt
Die Stille war kein Gegner. Sie stellte keine Fragen, sie verlangte keine Antworten. Sie war einfach da — und mit ihr ein Gefühl von Freiheit, das sich zunächst kaum von Leere unterscheiden ließ.
Ich wusste damals nicht, dass mit diesem Moment ein neuer Abschnitt meines Lebens begann. Rückblickend wirkt vieles logisch, beinahe zwangsläufig. Doch in Wirklichkeit bestand diese Zeit aus Unsicherheit, aus Entscheidungen ohne Anleitung und aus Erfahrungen, deren Bedeutung ich erst Jahre später begriff.
Bis weit in die achtziger Jahre hinein hatte ich mein Leben nicht wirklich selbst gelebt. Ich war Erwartungen gefolgt, die damals als selbstverständlich galten — verstaubten Vorstellungen davon, wie ein Leben auszusehen hatte, was richtig war und was man zu sein hatte. Erst als diese Ordnung zu bröckeln begann, merkte ich, dass Anpassung kein Ersatz für ein eigenes Leben ist.
Wer meine Geschichte kennt, weiß, woher ich kam. Meine Kindheit hatte Spuren hinterlassen, die sich nicht einfach abschütteln ließen. Aber Herkunft erklärt nicht, wie ein Mensch lebt, liebt oder scheitert. Die Jahre, die folgten, sollten mir zeigen, dass man das Leben nicht versteht, indem man nach Antworten sucht, sondern indem man Fehler macht und ihre Folgen aushält.
Dieses Buch erzählt von dieser Zeit — von Beziehungen, Irrwegen, Entscheidungen und den Versuchen, aus Niederlagen etwas anderes zu machen als bloße Erinnerungen. Es ist keine Abrechnung und keine Rechtfertigung. Es ist der Versuch zu verstehen, warum sich ein Leben immer wieder verändert, selbst dann, wenn man glaubt, endlich angekommen zu sein.
Vielleicht beginnt jede wirkliche Veränderung mit einem Moment, der unscheinbar wirkt: ein stiller Raum, ein neuer Schlüssel in der Hand, ein Mensch, der plötzlich allein ist — und zum ersten Mal merkt, dass genau darin eine Möglichkeit liegt.
Lange Zeit war ich überzeugt, mein Leben verlaufe in überschaubaren Abschnitten, fast wie in einem persönlichen Sieben-Jahres-Plan. Rückblickend ließ sich alles halbwegs ordentlich sortieren: neue Orte, neue Jobs, neue „Freunde“, neue Anfänge — und jedes Mal die beruhigende Hoffnung, diesmal würde es dauerhaft funktionieren. Diese Theorie hatte nur einen kleinen Schönheitsfehler: Sie stimmte nicht.
Erst Jahre später begriff ich, dass nicht Zeiträume mein Leben bestimmten, sondern Menschen. Beziehungen hielten sich nämlich selten an irgendwelche Zyklen oder vernünftige Planungen. Sie kamen ungefragt, blieben zu lange oder verschwanden genau dann, wenn man glaubte, endlich verstanden zu haben, wie alles funktioniert.
Wenn ich heute auf diese Jahre zurückblicke, erkenne ich, dass die entscheidenden Wendepunkte meines Lebens nicht durch Kalenderdaten entstanden, sondern durch Begegnungen. Manche waren Rettungsanker, andere Lehrstunden, einige schlicht Katastrophen mit nachhaltigem Erkenntnisgewinn.
Deshalb folgt dieses Buch keiner sauberen Chronologie. Es erzählt mein Leben entlang der Menschen, die darin Spuren hinterlassen haben — freiwillig oder unfreiwillig. Den Anfang macht Heidi. Nicht, weil sie die erste war, sondern weil mit ihr eine Zeit begann, die mein Leben gründlicher durcheinanderbrachte, als jeder Sieben-Jahres-Plan es je vermocht hätte.
Vorbemerkung
Essen. Es ist der 25. Dezember 1999. Die Uhr zeigt 17.10 Uhr. In meinem Wohnzimmer, in dem auch mein Computer steht, geschehen gerade merkwürdige Dinge. Die vier Seiten, die ich gestern geschrieben habe, sind spurlos verschwunden. Am Drucker öffnet sich die Klappe für die Tintenpatronen, ohne dass ich sie berührt habe. Mir läuft eine Gänsehaut über den Rücken. Unwillkürlich muss ich an Heidi denken – an ihre krankhafte Faszination für Okkultismus und schwarze Magie.
Ich setzte Heidi drei Tage vor Heiligabend 1988 vor die Tür. Trotzdem unterstützte ich sie noch eine Zeit lang finanziell. Außerdem überließ ich ihr fast das gesamte Inventar unseres Hauses in Friedrichsfeld. Zu einem wirklichen Neuanfang gehörte für mich auch, dass ich nicht jeden Tag durch alte Möbel an unsere gemeinsamen Jahre erinnert werden wollte. Meine neue Wohnung richtete ich deshalb völlig neu ein – mit von mir entworfenen Designermöbeln, die mir ein befreundeter Schreiner in Köln nach meinen Vorstellungen anfertigte: schwarz, viel Chrom und Bordeauxrot.
Der endgültige Bruch kam erst, als ich erfuhr, was sie mit dem Geld der Kinder gemacht hatte. Die Scheidung zog sich anschließend noch Jahre hin und wurde schließlich im Mai 1993 rechtskräftig. Der erste Mordanschlag, den ich überlebte, ereignete sich allerdings schon wenige Monate nach unserer Hochzeit im September 1978.
1999 begann ich, meine Erinnerungen aufzuschreiben. Nicht aus literarischem Ehrgeiz, sondern weil sich zu viele Geschichten in meinem Kopf angesammelt hatten, die endlich hinauswollten. Ich schrieb nachts, oft nach langen Tagen, manchmal klar, manchmal weniger klar. Vieles entstand in einem Zustand, den ich damals selbstironisch als kontrollierten Kontrollverlust bezeichnet hätte.
Ich nannte mich einen kontrollierten Alkoholiker. Nach außen funktionierte vieles – zumindest lange genug, um nicht aufzufallen. Nach innen schrieb jemand, der versuchte, Ordnung in ein Leben zu bringen, das sich selten ordentlich verhalten hatte. Die Texte jener Jahre tragen diese Stimmung bis heute in sich: roh, direkt, manchmal überdreht, manchmal erschreckend ehrlich.
Seitdem ist Zeit vergangen. Mehr Zeit, als ich damals für möglich gehalten hätte. Seit 2016 lebe ich ohne Alkohol und Bier. Erst viele Jahre später erlaubte ich mir wieder einen kleinen Feierabend-Cocktail – Wodka mit Bitter Lemon, eine Mischung aus Ironie und Altersmilde. Der Unterschied zu früher liegt nicht im Glas, sondern im Blick auf mein eigenes Leben.
Die Worte von damals bleiben unverändert. Aber der Mensch, der sie heute liest und weitererzählt, ist ruhiger geworden. Vielleicht klarer. Sicher älter. Und vermutlich gnädiger – mit sich selbst und mit den Erinnerungen. Darum verändert sich auch der Ton dieses Buches. Nicht, weil die Vergangenheit neu geschrieben wird, sondern weil ich sie heute anders verstehe.
Als ich kurz nach der Jahrtausendwende nach Köln kam, begann kein Neubeginn im klassischen Sinn. Ich kam nicht an – ich strandete. Hinter mir lag ein Leben, das ich bewusst aufgegeben hatte: eine florierende Vermittlungsagentur in Essen, eine große Penthousewohnung und ein Alltag, der zumindest nach Stabilität aussah. Mit dem Ende meiner Beziehung zu Thomas ließ ich all das zurück, was mich an diese Zeit erinnerte.
In Köln blieb davon wenig übrig. Aus 136 Quadratmetern wurde ein kleines Appartement im Kölner Süden, aus beruflicher Sicherheit Arbeitslosigkeit, aus Planung reines Improvisieren. Ich war erschöpft, pleite und innerlich orientierungslos – ein Mensch zwischen Zusammenbruch und Hoffnung, ohne zu wissen, was von beidem gewinnen würde.
Ein vermeintlicher Neuanfang folgte schnell: ein attraktives Jobangebot in Düsseldorf. Sechs Wochen später stellte sich heraus, dass mein neuer Arbeitgeber ein Millionenbetrüger war. Von einem Tag auf den anderen stand ich erneut vor dem Nichts. Monate ohne Einkommen folgten. Ich hatte noch eine Wohnung, aber kaum noch Halt. Als die Miete schließlich ausblieb, verlor ich auch sie.
In dieser Zeit schrieb ich nicht, um Literatur zu schaffen, sondern um mich selbst nicht zu verlieren. Die Texte entstanden aus schlaflosen Nächten, aus Zweifel und aus einer Hoffnung, die sich hartnäckiger hielt als jede Enttäuschung. Köln wurde dabei weniger Kulisse als Gesprächspartner – eine Stadt, die wie ich zugleich müde und unkaputtbar wirkte.
Vielleicht begann genau dort das eigentliche Erzählen: nicht aus Stärke, sondern aus dem Versuch heraus, mir selbst zu beweisen, dass ich noch existierte. Und bevor ich verstand, wohin mein Leben weiterführen würde, musste ich dorthin zurückgehen, wo vieles seinen Anfang nahm.
Kapitel 1: Heidi – Jahre zwischen Ordnung und Chaos [1978 bis 1990]
Rückblickend erkenne ich die Warnzeichen deutlich. Damals sah ich sie nicht — oder wollte sie nicht sehen. Heidi, die Abkürzung von Heidemarie, gehörte zu den Menschen, die man nicht übersah. Schlagfertig, klug, selbstbewusst und für mich zunächst unerreichbar. In unserer Clique bewegten wir uns lange umeinander herum wie zwei Gegner, die sich musterten, ohne wirkliches Interesse erkennen zu lassen. Wir waren eher wie Hund und Katze, und jeder hätte darauf gewettet, dass aus uns niemals ein Paar werden würde.
Vielleicht lag genau darin der Reiz. In jenen Jahren verstand ich Beziehungen weniger als Begegnung zweier Menschen, sondern eher als eine Art Pokalsammlung des Lebens. Das klingt heute härter, als es sich damals anfühlte, beschreibt aber ehrlich meine Haltung: Das scheinbar Unerreichbare zu gewinnen, erschien mir wie ein Hauptpreis. Und Heidi K., langes dunkelblondes Haar, schmale Taille, kurvige Hüften, normale Oberweite, war genau das — ein Pokal, von dem ich nicht einmal wusste, dass ich ihn unbedingt haben wollte.
Dass hinter diesem vermeintlichen Gewinn bereits die ersten Risse sichtbar waren, bemerkte ich durchaus. Ich nahm sie nur nicht ernst genug, um daraus Konsequenzen zu ziehen. Erfahrung entsteht selten aus Einsicht, sondern fast immer erst aus ihren Folgen.
▬
Heidi saß zunächst etwas abseits, ohne wirklich abseits zu sein. Sie beteiligte sich am Gespräch, aber anders als die anderen. Während wir uns gegenseitig überboten — mit Geschichten, Meinungen und großen Plänen — hörte sie zu. Nicht still, sondern aufmerksam. Ihr Blick hatte etwas Prüfendes, fast als würde sie weniger auf das achten, was gesagt wurde, sondern darauf, wer wir wirklich waren, wenn wir glaubten, unbeobachtet zu sein.
Irgendwann gerieten wir aneinander, ausgelöst durch eine beiläufige Bemerkung von mir, die ich selbst längst vergessen hatte. Sie reagierte direkt, ohne Zögern, ohne diplomatische Umwege. Niemand sprach damals so offen mit mir. Die anderen lachten, ich ebenfalls — nach außen zumindest. Innerlich irritierte mich weniger ihre Kritik als die Selbstverständlichkeit, mit der sie ausgesprochen wurde.
Heute würde ich sagen, dass genau in solchen Momenten bereits alles sichtbar war. Damals hielt ich es nur für einen weiteren Schlagabtausch innerhalb einer lauten Runde. Warnzeichen erkennt man selten, solange man sich mitten im Lärm befindet. Ich war überzeugt, ich würde jedes Spiel gewinnen — nur die Regeln hatte ich nicht gelesen.
▬
Auf der Rückfahrt wurde aus guter Stimmung plötzlich Chaos. Lautes Gelächter, riskante Überholmanöver und die typische Mischung aus jugendlicher Unvernunft und falscher Unsterblichkeit bestimmten die Fahrt. Ich genoss die Situation, das Tempo, die Aufmerksamkeit — all das gehörte zu dem Leben, das ich damals für Freiheit hielt.
Heidi hingegen wurde stiller. Während wir anderen den Abend weiter wie ein Spiel behandelten, saß sie neben mir und blickte lange aus dem Fenster in die vorbeiziehende Dunkelheit. Erst viel später verstand ich, dass manche Menschen lachen können, während sie innerlich längst mit ganz anderen Dingen kämpften.
Was diese Zeit rückblickend vielleicht am meisten von späteren Beziehungen unterschied, war eine einfache Tatsache: Ich hatte damals keinerlei sexuelles Interesse an Heidi. Sie gehörte nicht zu den Frauen, die ich beeindrucken oder erobern wollte. Zwischen uns entstand zunächst nichts, was man als Annäherung hätte bezeichnen können.

>1978< Jörgs Konfirmation – Mike in chic
Da ich zu diesem Zeitpunkt längst sexuelle Erfahrungen mit Jungen wie mit Mädchen gesammelt hatte, spürte ich deutlich Heidis Unerfahrenheit. Innerlich dachte ich damals, sie sei jung und unverbraucht, und ich stellte mir vor, dass sich unsere gemeinsame Sexualität mit der Zeit und mit ihrem Einverständnis in eine Richtung entwickeln ließe, die meinen eigenen Vorstellungen entsprach.
Heute erkenne ich in diesem Gedanken weniger Überlegenheit als vielmehr die Selbstverständlichkeit, mit der ich glaubte zu wissen, was Nähe und Beziehung bedeuten sollten — ohne zu ahnen, wie sehr mich gerade diese Gewissheit später überraschen würde.
Entgegen den damals üblichen Gepflogenheiten erzählte ich niemandem davon. Es gab kein Prahlen, keine Andeutungen innerhalb der Clique. Für mich gehörte dieser Moment nicht in die Öffentlichkeit. Was ich allerdings nicht wusste: Heidi hatte ihrem besten Freund Ojo davon berichtet.
Erst später bemerkte ich, dass sich etwas im Verhalten von Ojo verändert hatte. Es war nichts Offenes, kein Streit, keine direkte Bemerkung. Eher kleine Kommentare, beiläufig eingestreut, die harmlos klangen und doch einen anderen Ton hatten als zuvor. Damals maß ich dem keine besondere Bedeutung bei. Rückblickend erkenne ich darin eine leise Form von Eifersucht, die unausgesprochen blieb und sich über Wochen hinweg in Andeutungen zeigte.
▬
Der Abend entwickelte sich schnell zu jener vertrauten Mischung aus Erinnerungen und Übertreibungen, wie sie entsteht, wenn zwei ehemalige Wehrpflichtige nach längerer Zeit wieder zusammensitzen. Ede und ich verloren uns schon nach kurzer Zeit in Geschichten aus unserer Bundeswehrzeit — Episoden, die mit jedem erzählten Detail vermutlich ein wenig wilder wurden, ohne deshalb weniger wahr zu sein. Wir lachten über alte Streiche, missglückte Manöver und Situationen, die uns damals selbstverständlich erschienen waren und heute wohl den Kopf hätten schütteln lassen.
Heidi saß daneben, hörte zu und beobachtete uns mit einer Mischung aus Amüsement und stillem Staunen. Für sie öffnete sich an diesem Abend ein Blick in einen Teil meines Lebens, den sie bislang nur aus Andeutungen kannte. Während Ede und ich uns köstlich über vergangene Missetaten amüsierten, dürfte ihr langsam klar geworden sein, dass der Mann, mit dem sie zusammen war, weniger berechenbar war, als es auf den ersten Blick schien.
Es war einer dieser Abende, an denen nichts Besonderes geschieht und die dennoch eine leise Bedeutung bekommen, weil man erst im Rückblick erkennt, dass sich Entscheidungen längst angebahnt hatten, bevor sie ausgesprochen wurden.
▬
Wie es sich gehörte, wurde zuvor ausgiebig Junggesellenabschied gefeiert. Unser alter blauer Opel Rekord fiel dabei den kreativen Ideen der Gäste zum Opfer und wurde vollständig mit Klopapier umwickelt. An sich harmlos — nur hatte es in jener Nacht gefroren, sodass das Papier am nächsten Morgen fest an der Karosserie klebte und an eine Fahrt nicht zu denken war. Die Ehe begann also mit einem festgefrorenen Stillstand. Immerhin gelang es mir, die traditionelle Entführung der Braut zu verhindern, was sich auch finanziell als kluge Entscheidung erwies.
Die katholische Trauung selbst fand im kleinen Familienkreis statt. Anschließend zog die Gesellschaft weiter zu meinen Eltern, wo die eigentliche Feier stattfand. Irgendwann am Nachmittag fragte mich Onkel Willi, der Mittler meines Adoptionsverfahrens Anfang der 60er Jahre, beiläufig, ob ich mehr über meine leibliche Mutter erfahren wollte. Ich lehnte dankend ab — nicht ahnend, dass mich dieses Thema neunzehn Jahre später mit voller Wucht wieder einholen würde. Manchmal verwechselt man Frieden mit Aufschub.
▬
Nach einem zeitlich ausgedehnten Frühschoppen gerieten wir erneut in Streit. Ich flüchtete zu Fuß, sie folgte mir im Opel Kadett — einem meiner Firmenwagen, den ich ihr damals überlassen hatte. Ich rannte in einen Wald, sie fuhr mit dem Auto hinterher. Erst als ich mich hinter einem dicken Baum versteckte, endete die Verfolgung abrupt: Sie prallte mit voller Wucht dagegen. Zehntausend Mark Sachschaden — aber niemand wurde verletzt.
Eigentlich hätte ich damals erkennen müssen, dass etwas nicht stimmte. Meine Mutter hatte mich mehrfach gewarnt, zog sich später jedoch aus unserer Ehe zurück. Auch diesmal hätte ich auf sie hören sollen. Aber Liebe macht bekanntlich blind.
In den folgenden Jahren begann Heidi mit Gläserrücken, eigentlich ein Partyspaß, um herauszufinden, ob ich fremdging. Da sie davon ausging, es könne sich nur um eine Frau handeln, konnte ich ihre Fragen stets beruhigend verneinen — tatsächlich betrog ich sie ausschließlich mit Männern. Anfangs faszinierte mich diese Welt der schwarzen Magie ebenfalls, doch mit der Zeit wuchs in mir das Gefühl, dass davon nichts Gutes ausging, und ich zog mich davon zurück.
▬
Wir schrieben das Jahr 1980, und Heidi und ich beschlossen, ein zweites Kind zu bekommen. Neun Monate später kam unter dramatischen Umständen unser Sohn Sascha, ich plante zwei Söhne mit einem geringen Altersunterschied, zur Welt. Mitten am helllichten Sonntag platzte Heidis Fruchtblase. Ich rief — erneut nicht ganz nüchtern — den Notarzt und gab korrekt unsere Adresse durch. Um den Wagen einzuweisen, lief ich auf die Straße und fuchtelte wild mit den Armen. Offenbar interpretierte der Fahrer das falsch, denn noch vor der Kreuzung wendete der Notarztwagen — und verschwand.
Also blieb mir nichts anderes übrig, als Heidi selbst nach Dinslaken in dasselbe Krankenhaus zu fahren, in dem bereits Manuel geboren worden war. Spätestens auf dem Weg dorthin wurde ich schlagartig nüchtern.
Sascha kam schließlich 1981 ruhig zur Welt — nicht schreiend, sondern mit einem beinahe heiteren Ausdruck im Gesicht. Für mich blieb er immer ein Kind der Sonne, während sein Bruder eher das Kind der Dunkelheit war. Manuel kam ganz nach mir, Sascha mehr nach Heidi. Oft hatte ich später den Eindruck, die beiden verhielten sich eher wie Kain und Abel als wie Brüder.
Nun schien alles vollkommen: Eltern, Schwiegereltern, Heidi und ich — alle waren glücklich. Ich nahm meine Vaterrolle ernst, wechselte ohne Zögern unzählige Windeln und schob stolz wie Oskar den Kinderwagen durch die Gegend. Um weiteren Nachwuchs zu vermeiden und Heidi nicht jahrelang die Pille nehmen zu lassen, unterzog ich mich mit nur 28 Jahren einer Vasektomie. Nach außen wirkten wir wie das ideale junge Familienglück, und ich kann nicht sagen, dass es in dieser Phase größere Probleme zwischen Heidi und mir gegeben hätte.

>1979< Taufe Manuel
Im Zuge meiner beruflichen Reisen führte mich mein Weg ab 1982 regelmäßig auch nach Wiesbaden, wo ich die schwule City-Sauna kennenlernte. Dort begann eine längere Affäre mit dem damaligen Besitzer, einem jungen Philippiner, Adoptivsohn eines deutschen, homosexuellen Großgastronomen, dessen Namen ich aus Pietätsgründen nicht nenne. Da ich weiterhin Familie und Verpflichtungen hatte, kam eine gemeinsame Zukunft für mich nicht infrage, auch wenn er sich diese wünschte.
Er bot mir ein völlig anderes Leben an — mit Wohlstand, Sicherheit und neuen Perspektiven. Neben der Sauna gehörten ihm Immobilien, Unmengen an uneingefassten Diamanten und eine Villa mit Swimmingpool in Niedernhausen. Sogar eine Anstellung als Croupier im Wiesbadener Casino hätte er mir vermitteln können. Der Verdienst mit Trinkgeldern betrug schon damals um die 6.000 DM, inklusive der Möglichkeit einer Verbeamtung. Ich versuchte damals, Heidi zu einem Umzug zu bewegen, doch sie wollte die Nähe zu ihren Eltern nicht aufgeben. Es hat nicht sein sollen.
In diese Jahre fiel auch das erste Auftauchen eines neuen Wortes, das bald alles verändern sollte: AIDS. Als die Beziehung mit dem Wiesbadener Millionär zunehmend von Erwartungen und Druck geprägt wurde, beendete ich sie. Jahre später erfuhr ich, dass auch er an AIDS verstorben war. Heidi bemerkte nie, dass ich von meinen Wiesbaden-Reisen regelmäßig mit sündhaft teuren Carlucci-Pullovern zurückkehrte — geschenkte Kleidungsstücke, die Jahre später noch einmal eine Rolle spielen sollten.
▬
Neben den Hunden kamen Papageien, zahlreiche weitere Vögel und sonstiges Getier hinzu. Damals empfand ich diese wachsende Tierwelt als lebendige Fülle. Als noch vor unserer Trennung vieles auseinanderfiel, reagierte ich mit Wut — heute überwiegt das Bedauern. Noch immer denke ich manchmal an einen Gelbhauben-Kakadu, der mit seiner Anhänglichkeit selbst mir gelegentlich auf die Nerven ging. Damals war ich genervt. Heute wäre ich froh, wenn er noch da wäre.
Es waren Jahre des Friedens. Alles hätte so bleiben können — wenn nicht zwei Entwicklungen gleichzeitig begonnen hätten: Heidi verfiel zunehmend in manisch-depressive Phasen, und ich lernte zur gleichen Zeit Robert kennen. Es war der Sommer 1988, unser letzter gemeinsamer.
Äußerlich fehlte es Heidi an nichts: Haus, Familie, Fitnessstudio, Auto, Tiere, Haushaltshilfe. Dennoch begann sie sich stark zu verändern und wollte plötzlich ihre verlorene Jugend nachholen. Mit ihrer Freundin Pia kehrte sie häufig erst frühmorgens aus Diskotheken zurück. Morgens euphorisch, abends tief verzweifelt — ein Zustand, den ich lange ertrug, bis er unerträglich wurde.

>ca. 1988< Manuel & Sascha
Anfangs schien die Trennung sachlich zu verlaufen. Doch die Realität entwickelte sich anders. Ich hatte mir eine ruhige und unkomplizierte Trennung vorgestellt, doch das Scheidungsverfahren zog sich über Jahre hin — getragen von Streitigkeiten und juristischen Auseinandersetzungen, die nicht von mir ausgingen. Vor dem Jugendamt wurde ich mit einem Vorwurf konfrontiert, der mich bis ins Mark traf: Heidi unterstellte, unsere Söhne seien unter meiner Obhut sexuell gefährdet. Dieser Satz stand im Raum wie ein Schlag. Ich konnte ihn weder begreifen noch akzeptieren.
Als inzwischen offen schwul lebender Mann hätte ich damals ohnehin keine Chance auf das Sorgerecht gehabt. Was in dieser Zeit tatsächlich geschah, gehört zu einem späteren Kapitel — insbesondere zu dem Abschnitt über Robert und Thomas.
▬
Wenn ich heute frage, was Heidi für mich war, finde ich keine einfache Antwort. Sicherheit war sie nie. Anfangs vielleicht Trophäe und Tarnung zugleich. Später Gewohnheit. Am Ende vor allem Enttäuschung. Ich hatte gehofft, gemeinsam etwas aufzubauen. Stattdessen wuchs die Belastung — finanziell wie emotional. In den letzten Jahren lebten wir mehr nebeneinander als miteinander.
Ich habe lange durchgehalten. Vielleicht zu lange. Nicht aus Feigheit, sondern aus Verantwortung gegenüber den Kindern. Und aus einer Leidensfähigkeit, die ich damals für Stärke hielt. Gelernt habe ich vor allem eines: wie weit ich mich selbst zurückstellen kann, um ein Bild von Ordnung aufrechtzuerhalten. Ich funktionierte — beruflich, organisatorisch, nach außen. Innerlich jedoch lebte ich ein Leben, das nicht meines war.
Das Ende kam nicht mit einem Streit und nicht mit einem bestimmten Satz. Es war ein schleichender Prozess. Als ihre manische Depression begann, wusste ich irgendwann nur noch, dass ich falsch stand — im falschen Leben, in der falschen Rolle. Lange bevor Robert in mein Leben trat, war die innere Trennung vollzogen. Erst diese Leere machte es möglich, mich emotional auf Männer einzulassen.
Ich hätte vermutlich nie heiraten dürfen. Nicht aus Bosheit, sondern weil ich mein eigenes Wesen zu lange ignoriert hatte. Was bleibt, ist kein Hass. Sondern die Erkenntnis, dass man Nähe nicht erzwingen und sich selbst nicht auf Dauer verleugnen kann.
Für meine Söhne Manuel und Sascha: Ich hätte euch damals mehr erklären müssen. Ich habe zu lange geschwiegen und darauf vertraut, dass ihr es von allein versteht. Es tut mir aufrichtig leid.
| © 2026 – Mike Schwarz – Köln | Kapitel 2 | Home |
