= L E S E P R O B E N =

Vielleicht besteht Erkenntnis nur darin, dem eigenen Leben irgendwann aufmerksam zuzuhören.“

Kapitel 7: Schlussgedanken – A–Z eines gelebten Lebens

Mit dem Ende des Kapitels über Jascha hatte meine Autobiografie im Jahr 2007 ursprünglich ihren Abschluss gefunden.

Die nachfolgenden Gedanken entstanden ebenfalls in dieser Zeit – als Versuch, Erfahrungen aus Kindheit, Beziehungen und Lebensentscheidungen für mich zu ordnen und in eine persönliche Form zu bringen.

Dass das Leben danach noch einmal eine eigene, nicht geplante Fortsetzung schreiben würde, konnte ich damals nicht ahnen. Die Jahre mit Matthias und die Entwicklungen bis in die Gegenwart haben manches relativiert, anderes bestätigt und einige Sichtweisen verändert. Dennoch bilden die damaligen Gedanken ein ehrliches Zeitdokument meines damaligen Erkenntnisstandes – und zugleich die Grundlage für das, was sich später weiterentwickelte.

Um diesen Gedanken eine klare Struktur zu geben, habe ich sie von A bis Z geordnet. Die Auswahl erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern spiegelt wider, was mir zu diesem Zeitpunkt wesentlich erschien. Ausführlichere Betrachtungen einzelner Themen finden sich in meinem später entstandenen Werk Nicht alles (P)rosa.

Vielleicht zeigt sich gerade im Abstand der Jahre, dass Erkenntnisse nicht statisch sind, sondern sich mit jedem gelebten Abschnitt verändern. Das Leben ist kein abgeschlossener Text, sondern eine fortlaufende Fassung, an der wir – bewusst oder unbewusst – ständig weiterschreiben.

Die folgenden Gedanken sind daher kein Schlussstrich, sondern eine Momentaufnahme auf einem Weg, der auch nach 2007 weiterging.


A – AIDS
Das Thema AIDS begleitet mich bewusst seit 1982. In Voerde am Niederrhein, ländlich lebend und in festen Beziehungen, spielte diese Krankheit zunächst kaum eine Rolle in meinem Alltag. Erst in den Jahren in Essen und später in Köln wurde mir die Tragweite der HIV-Infektion immer deutlicher bewusst.

Auch wenn HIV bis heute nicht heilbar ist, haben medizinische Fortschritte dazu geführt, dass Betroffene – zumindest in wohlhabenden Ländern – deutlich länger und mit besserer Lebensqualität leben können. Diese Entwicklung gibt Anlass zur Hoffnung.

Aus Verantwortung sich selbst und anderen gegenüber halte ich es für selbstverständlich, mögliche Risiken ernst zu nehmen und medizinische Testangebote zu nutzen. Dem Thema Homosexualität und HIV/AIDS habe ich mich später auch in meinem Werk Tunten – Aufzucht und Pflege gewidmet.

Die Jahre danach haben gezeigt, dass Aufklärung und medizinischer Fortschritt Leben verändern können – vorausgesetzt, man ist bereit, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Auch wenn nicht alles heilbar ist, zeigt der Fortschritt, dass Aufgeben selten eine vernünftige Option ist.

A – Alkohol
Wie viele Flaschen Wodka und Bier während des Schreibens dieser Autobiografie geleert wurden, lässt sich rückblickend kaum beziffern. Alkohol begleitet mich bereits seit meiner Jugend. Ich selbst habe ihn stets als Teil meiner privaten Lebensführung verstanden – kontrolliert und ohne das Bedürfnis, ihn öffentlich zur Schau zu stellen.

Auffälliges Verhalten in der Öffentlichkeit war mir immer fremd, ebenso der Reiz kollektiver Massenbesäufnisse, wie sie beispielsweise im Umfeld des Kölner Karnevals üblich sind. Vielleicht liegt darin auch ein Unterschied zwischen Genuss und Kontrollverlust.

Viele künstlerische Werke sind unter außergewöhnlichen inneren Zuständen entstanden. Ob dies Erklärung oder Rechtfertigung ist, bleibt offen. Spätere gesundheitliche Erfahrungen, insbesondere mein Koma im Jahr 2016, haben mir unmissverständlich gezeigt, dass der Grat zwischen Gewohnheit und Selbstgefährdung schmaler ist, als man es sich lange eingestehen möchte.

Was über Jahre kontrollierbar erscheint, kann sich leise zu einem ernsthaften Risiko entwickeln. Erkenntnis kommt manchmal spät – aber sie kommt noch rechtzeitig, um etwas zu ändern.

A – Armut
Ich unterscheide zwischen finanzieller und geistiger Armut. Finanzielle Armut habe ich selbst erfahren und gelernt, mit begrenzten Mitteln auszukommen. Heute bin ich zufrieden damit, keine Schulden zu machen und nur das auszugeben, was tatsächlich vorhanden ist. Unabhängigkeit bedeutet für mich auch, niemandem dauerhaft verpflichtet zu sein.

Geld kann Möglichkeiten schaffen, aber es bestimmt nicht zwangsläufig den Wert eines Lebens. Die Erfahrung sowohl von Mangel als auch von besseren Zeiten kann helfen, Maßstäbe realistischer einzuordnen.

Geistige Armut hingegen erscheint mir schwerer greifbar. Ob sie zu bemitleiden oder zu bewundern ist, vermag ich bis heute nicht eindeutig zu beurteilen.

Die späteren Jahre haben mir gezeigt, dass äußere Sicherheit nicht immer innere Freiheit bedeutet – und umgekehrt. Wer gelernt hat, mit wenig auszukommen, hat oft mehr innere Freiheit, als er zunächst vermu-tet.

B – Beruf
Heute stehe ich nicht mehr im regulären Arbeitsmarkt und habe auch keine realistische Aussicht, dorthin zurückzukehren. Umso mehr weiß ich, welchen Stellenwert Arbeit in meinem Leben hatte. Meine verschiedenen Tätigkeiten waren für mich nie nur Broterwerb, sondern immer auch ein Stück Identität.

Ich bin überzeugt, dass ein Beruf nur dann dauerhaft erfüllt, wenn man sich in ihm wiederfindet. Gleichzeitig habe ich oft erlebt, wie Menschen über Jahre in Situationen verharren, die sie unglücklich machen. Warum sie nichts verändern, lässt sich von außen leicht fragen – beantworten muss es jeder für sich selbst.

Gerade bei Menschen, deren Lebenswege durch Krankheit oder gesellschaftliche Umstände eingeschränkt wurden, zeigt sich häufig, wie schnell berufliche Perspektiven verloren gehen können. Umso wichtiger kann es sein, andere Formen von Sinn zu finden – sei es im Engagement für andere oder in Aufgaben, die dem eigenen Leben Struktur geben.

Die späteren Jahre haben mir gezeigt, dass Arbeit nicht allein den Wert eines Menschen bestimmt – aber das Gefühl, eine Aufgabe zu haben, bleibt von großer Bedeutung. Auch wenn sich Wege verändern, bleibt die Möglichkeit, dem eigenen Leben Bedeutung zu geben.

B – Beziehung
Eine tragfähige Beziehung entsteht für mich vor allem aus Vertrauen. Ohne diese Grundlage bleibt selbst große Nähe instabil. Meine eigenen Erfahrungen haben mir gezeigt, wie schnell Beziehungen in Abhängigkeiten geraten können – emotional wie auch wirtschaftlich.

Mehrere gescheiterte Partnerschaften haben mir deutlich gemacht, dass eine funktionierende Beziehung nicht nur aus Gefühl besteht, sondern auch aus einem ausgewogenen Verhältnis von Nähe und Distanz. Beide Partner verändern sich im Laufe der Zeit, und genau darin liegt eine der größten Herausforderungen: diese Veränderungen nicht als Bedrohung, sondern als Teil des gemeinsamen Weges zu begreifen.

Heute sehe ich klarer, dass Beziehung immer auch Arbeit an sich selbst bedeutet. Wer dazu nicht bereit ist, wird auf Dauer scheitern – unabhängig davon, wie stark die anfängliche Verbindung war. Die folgenden Jahre haben mir zudem gezeigt, dass nicht jede Beziehung für die Dauer gedacht ist – aber jede ihre eigene Bedeutung hat. Auch nach Enttäuschungen bleibt die Fähigkeit zu Vertrauen – sie geht nicht verloren, sie wartet.

C – Chat
Der virtuellen Welt habe ich unter schwulen Gesichtspunkten ein eigenes, bislang nicht veröffentlichtes Buch gewidmet: Tunten – Aufzucht und Pflege. Meine Erfahrungen in Chaträumen haben mir gezeigt, dass es sinnvoll ist, diese Orte ohne große Erwartungen zu betreten. Wer nichts erwartet, wird auch seltener enttäuscht.

Für mich waren Chats stets ein Spiegel gesellschaftlicher Realität – mit all ihren Stärken und Schwächen. Im Grunde erscheinen sie mir wie virtuelle Kneipen: Orte der Begegnung, manchmal interessant, manchmal unerquicklich, aber letztlich freiwillig. Schön, dass es sie gibt, lebensnotwendig sind sie für mich nicht.

In späteren Jahren habe ich diese Form der Kontaktaufnahme vollständig hinter mir gelassen. Reale Begegnungen und gewachsene Beziehungen haben für mich heute einen anderen Stellenwert. Auch wer sich aus virtuellen Räumen zurückzieht, verliert nicht die Möglichkeit, echten Begegnungen offen zu bleiben.

C – Computer
Der Computer ist für mich seit vielen Jahren ein wichtiges Werkzeug geblieben. Früher als selbständig Tätiger, heute unter deutlich veränderten gesundheitlichen Voraussetzungen, wäre ein Leben ohne diese technische Möglichkeit kaum vorstellbar. Mit dem Internet hat sich mein Zugang zu Informationen erheblich erweitert, ebenso die Möglichkeit, mit anderen Menschen in Verbindung zu treten.

Der Computer ist für mich ein Fenster zur Welt geworden, das unabhängig von körperlichen Einschränkungen offensteht. Gleichzeitig habe ich immer darauf geachtet, diese Technik bewusst zu nutzen und mich nicht von ihr beherrschen zu lassen.

So hilfreich virtuelle Möglichkeiten auch sind – die reale Welt bleibt für mich der eigentliche Maßstab. Die folgenden Jahre haben diese Haltung eher bestätigt als verändert. Auch mit Einschränkungen bleiben Möglichkeiten bestehen, die eigene Welt aktiv zu gestalten.

D – wie Dominanz
Dominanz begegnete mir in einer Lebensphase, in der ich ihr eigentlich noch gar nicht hätte begegnen dürfen – und dann auch noch durch einen furchtbaren Personenkreis: katholische Nonnen. Diese an Pinguine erinnernden Weiber übten ihre Form von Dominanz bereits über den kleinen Mike aus.

Mir selbst sagt man heute ebenfalls eine gewisse Dominanz nach, womit ich gut leben kann. Dennoch bin ich überzeugt, dass wahre Dominanz nur derjenige leben kann, der in bestimmten Situationen auch zur Unterwerfung fähig ist. Das hat für mich nichts mit Anpassung zu tun, sondern mit innerer Beweglichkeit.
Angst macht mir allerdings der Machtanspruch unserer lieben amerikanischen Freunde, der für die Zukunft nichts Gutes erahnen lässt.

D – wie Dummheit
Schon meine Oma Dine sagte zu mir, als ich noch ein kleines und entsprechend unerfahrenes Kind war: Hüte dich vor dummen Menschen. Erst viele Jahre später begriff ich den Wahrheitsgehalt dieser einfachen Warnung.

Mit Missgeschicken habe ich kein Problem – sie gehören zum Leben, solange ich nicht selbst darin verwickelt bin. Schwieriger wird es für mich dort, wo Probleme weniger aus Umständen entstehen, sondern aus einer bemerkenswerten Konsequenz an gedankenloser Unvernunft.

Nach einigen schmerzhaften Erfahrungen mit dieser besonderen Spielart menschlichen Handelns ver-suche ich heute, solchen Situationen möglichst aus dem Weg zu gehen – was in einer Großstadt wie Köln nicht immer gelingt. Dummheit besitzt die eigentümliche Fähigkeit, einem unvermittelt zu begegnen, manchmal sogar genau dann, wenn man gerade glaubte, ihr entkommen zu sein. Auch schwierige Begegnungen können den eigenen Blick schärfen – vorausgesetzt, man bleibt bereit, dazuzulernen. In diesem Zusammenhang fällt mir ein alter Spruch ein: Dummheit frisst, Intelligenz säuft. Prost.

F – wie Frauen
Persönlich habe ich überhaupt nichts gegen Frauen – jeder sollte sich eine halten. Nein, Gag. Nach den unerquicklich verlaufenen Erfahrungen mit Susanne aus Dortmund und meinem damaligen Partner besteht in meinem ganz persönlichen Umfeld allerdings kein Bedarf mehr an weiblicher Nähe.

Ich schätze Frauen, die problemlos ohne Mann auskommen; umgekehrt ist es für mich ebenso stimmig, wenn ein Mann des Weibes nicht bedarf. Schöner fände ich diese Geschlechterwelt, wenn sie sich wieder stärker im Gleichklang einer gewissen Natürlichkeit bewegen würde. Davon scheint sie bis heute jedoch ein gutes Stück entfernt.

Vielleicht erlebe ich ja noch eine Päpstin – rechnen würde ich damit allerdings eher nicht.

F – wie Frieden
Frieden erscheint mir weniger als politischer Zustand, sondern vielmehr als persönliche Aufgabe. In meinem eigenen Leben gab es immer wieder Phasen innerer Unruhe, ausgelöst durch Konflikte, Verluste oder Umstände, die sich meiner Einflussnahme entzogen. Mit den Jahren habe ich gelernt, dass dauerhafter Frieden selten im Außen beginnt, sondern meist in der eigenen Haltung.

Nicht jeder Konflikt lässt sich lösen, nicht jede Ungerechtigkeit ausgleichen. Dennoch bleibt die Entscheidung, ob man sich dauerhaft vom Lärm der Welt bestimmen lässt oder ob man versucht, einen eigenen, ruhigeren Standpunkt zu bewahren. Für mich bedeutet Frieden nicht Gleichgültigkeit, sondern die bewusste Abgrenzung gegenüber Kräften, die Energie rauben, ohne etwas aufzubauen.

Gerade nach gesundheitlichen Einschnitten und persönlichen Brüchen ist mir deutlicher geworden, wie begrenzt die eigene Lebenszeit ist. Umso wichtiger erscheint es mir, diese Zeit nicht ausschließlich im Widerstand zu verbringen, sondern dort, wo es möglich ist, Momente von Ruhe, Klarheit und innerem Gleichgewicht zuzulassen. Frieden beginnt oft in dem Moment, in dem man aufhört, gegen alles zugleich kämpfen zu wollen.

F – wie Freundschaften
Freundschaften haben in meinem Leben einen hohen Stellenwert. Zugleich weiß ich, wie schwierig es ist, tragfähige und dauerhafte Verbindungen aufzubauen – gerade in einer Stadt wie Köln, die ich oft als oberflächlich empfinde.

Ein Freund ist für mich jemand der meine Nöte kennt und auf meine Fragen ehrliche Antworten gibt. Freundschaft bedeutet für mich Geben, ohne ständig eine Gegenleistung zu erwarten. Vielleicht tue ich mich deshalb heute schwer damit, jemanden vorschnell als Freund zu bezeichnen. Seit Beginn dieser Autobiografie unterscheide ich für mich zwischen Freund, Freund der Zeit und oberflächlichem Bekannten.

Von Freunden erwarte ich Offenheit und Ehrlichkeit – auch dann, wenn sie unbequem ist. Weder Bildungsgrad noch Alter oder äußere Erscheinung spielen dabei für mich eine Rolle. Eine Freundschaft zeigt sich für mich darin, dass man gemeinsam durch Höhen und Tiefen geht. Gleichzeitig bedeutet sie auch, Veränderungen zu akzeptieren und sich immer wieder neu aufeinander einzustellen.

Wahre Freundschaft zeigt sich oft darin, dass sie Veränderungen übersteht, ohne ihren Wert zu verlieren.

G – wie Gedichte
Gedichte mögen heute nicht mehr zeitgemäß erscheinen. Dennoch bin auch ich eher zufällig zu ihnen gekommen. Während des Schreibens dieser Autobiografie entstanden Texte, die ich weniger als klassische Gedichte verstehe, sondern eher als momentbezogene Ego-Poesie.

Ich bewundere Menschen, die ein Gespür für Lyrik, Zitate und verdichtete Sprache besitzen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer es sein kann, Gedanken so zu formulieren, dass sie nicht nur sich selbst, sondern vielleicht auch andere berühren. Manchmal findet ein Gedanke erst in wenigen Worten seine größte Klarheit. Oder, wie meine altehrwürdige Oma Dine sagen würde: In der Kürze liegt die Würze.

G – wie Glauben
Aufgrund meiner frühen, überwiegend negativen Erfahrungen mit der katholischen Kirche habe ich mich schon früh von institutionalisierter Religion distanziert. Vorgegebene Glaubenssysteme konnten mich nie überzeugen. Wer sie braucht, mag darin Halt finden – für mich ist dieser Weg jedoch nicht passend.

Ich würde mich dennoch nicht als Atheisten bezeichnen, da auch ich an vieles glaube – allerdings nur an das, was sich für mich stimmig anfühlt. Für meinen Glauben benötige ich keine Institution. Zu oft hat religiöser Fanatismus die Menschheit in Konflikte geführt, deren Folgen bis heute sichtbar sind.

Vor Jahren habe ich mich intensiv mit verschiedenen Weltreligionen beschäftigt. Sollte ich mich jemals festlegen müssen, würde ich mich vermutlich am ehesten dem Buddhismus zuwenden, dessen Grundgedanken mir vergleichsweise friedlich erscheinen. Glaube kann Halt geben – entscheidend bleibt, dass er nicht die Freiheit nimmt, selbst zu denken.

H – wie Harmonie
Wahrscheinlich strebt jeder Mensch danach, sein Leben möglichst in Harmonie zu gestalten. Aufgrund meiner wenig harmonischen frühen Lebensumstände erschien mir dieses Ziel lange Zeit nur schwer erreichbar.

In den vergangenen Jahren ist es mir dennoch gelungen, mir eigene kleine Inseln innerer Ruhe zu schaffen. Diese finde ich sowohl in stillen Momenten für mich allein – oft begleitet von ruhiger Musik – als auch in der Nähe vertrauter Menschen oder ausgewählten Weggefährten.

Einen besonderen Raum der Harmonie habe ich im Schreiben gefunden. Das Ordnen und Aufarbeiten meiner eigenen Erlebnisse – unabhängig davon, ob sie klein oder groß erscheinen – hilft mir, Gedanken zu klären und innerlich ruhiger zu werden. Harmonie entsteht selten von selbst – aber oft dort, wo man ihr bewusst Raum gibt.

H – wie Hilfsbereitschaft
Hilfsbereitschaft ist für mich eine Eigenschaft, die im Alltag seltener geworden zu sein scheint. Oft entsteht der Eindruck, dass viele Menschen zunächst danach fragen, welchen Nutzen ein Engagement für sie selbst hat. Dabei sind es gerade die kleinen Gesten, die ein Zusammenleben überhaupt erst erträglich machen.

In meinem eigenen Leben habe ich sowohl echte Unterstützung erfahren als auch Situationen erlebt, in denen Hilfe ausblieb. Vielleicht hat mich gerade das sensibler dafür gemacht, wie wertvoll ehrliche Hilfsbereitschaft sein kann. Sie zeigt sich nicht in großen Worten, sondern meist in stillen Handlungen – oft dort, wo niemand zusieht.

Hilfsbereitschaft bedeutet für mich nicht, sich selbst aufzugeben, sondern aufmerksam zu bleiben für die Bedürfnisse anderer. Manchmal genügt bereits eine kleine Unterstützung oder ein offenes Ohr, um einem Menschen den nächsten Schritt zu erleichtern. Sie kostet wenig – kann für andere jedoch von unschätzbarem Wert sein.

H – wie Humor
Trotz aller erlebten Tiefen habe ich mir meinen Humor bewahrt. Ich schätze auch makabere oder zynische Witze, da sich hinter ihnen nicht selten ein wahrer Kern verbirgt.

Oft habe ich den Eindruck, dass wir Deutschen vieles zu ernst nehmen. Ein wenig mehr Gelassenheit würde uns vermutlich guttun. Frei nach Charlie Chaplin: Ein Tag ohne Lächeln ist ein verlorener Tag. Deshalb beginnt mein Tag häufig mit einem kleinen humorvollen Impuls, der mich zumindest schmunzeln lässt.
Im Übrigen benötigt ein Lächeln weniger Muskeln als ein ernstes Gesicht. Humor kann selbst schweren Momenten etwas von ihrer Schwere nehmen.

I – wie Intoleranz
Da ich einen – für Außenstehende mitunter ungewöhnlich wirkenden – ausgeprägten Gerechtigkeitssinn habe, lehne ich jede Form von Intoleranz grundsätzlich ab. Besonders auffällig erscheint mir dabei, dass Intoleranz häufig gerade dort zu finden ist, wo am lautesten Toleranz eingefordert wird.

Meine Oma Dine, eine auf ihre Weise sehr weise Frau, sagte schon früh: Jeder solle vor seiner eigenen Haustür kehren. Dieser einfache Satz hat für mich bis heute nichts von seiner Gültigkeit verloren. Toleranz beginnt oft dort, wo man bereit ist, auch die eigenen Maßstäbe zu hinterfragen.

I – wie Intelligenz
Von außen wird mir gelegentlich eine überdurchschnittliche Intelligenz zugeschrieben. Doch wie vieles im Leben ist auch Intelligenz relativ. Robert etwa war in meinen Augen hochintelligent und nahm sich dennoch früh das Leben. Intelligenz allein schützt also weder vor Fehlentscheidungen noch vor persönlichen Krisen.

Für mich zeigt sich Intelligenz weniger darin, alles zu wissen, sondern vielmehr darin, Zusammenhänge zu erkennen, sich selbst zu hinterfragen, dazuzulernen und Gedanken klar ausdrücken zu können. Mit meiner mir eigenen Art zu denken versuche ich vor allem, das Spiel meines Lebens besser zu verstehen und möglichst gelassen zu gestalten. Dennoch bleibt niemand davor bewahrt, sich im Alltag auch mit Oberflächlichkeiten und gedankenlosen Verhaltensweisen anderer auseinanderzusetzen. Intelligenz entfaltet ihren Wert erst dann, wenn sie hilft, das eigene Leben bewusster zu gestalten.

J – wie Jugend
In meiner Jugendzeit spielte der heute verbreitete Jugendkult kaum eine Rolle. Alter war kein dominierendes Thema, und es galt als selbstverständlich, dass Generationen respektvoll miteinander umgingen. Älteren Menschen wurde mit Achtung begegnet, ohne dass dies besonders hervorgehoben werden musste.

Heute erlebe ich – gerade auch innerhalb der schwulen Subkultur – häufig eine starke Fixierung auf Jugendlichkeit. Abwertende Begriffe für bereits 35-jährige Menschen zeigen, wie sehr die Angst vor dem eigenen Älterwerden inzwischen das Denken prägt. Ich selbst vermisse meine Jugend nicht. Bewusst zu leben begann für mich erst mit etwa 40 Jahren. Jede Lebensphase hat ihren eigenen Wert – entscheidend ist, ihn zu erkennen.

K – wie Kinder
Auch wenn ich mitunter ironisch anmerke, Kindern sollten ihre durchsetzungsstarken Stimmbänder erst ab zwölf Jahren eingesetzt werden, sind sie selbstverständlich ein unverzichtbarer Teil unserer Gesellschaft – für mich zugleich Herausforderung und Bereicherung.

Da ich selbst Vater zweier Söhne bin, erlaube ich mir eine klare Haltung: Kinder sind immer auch ein Spiegel ihrer Erziehung. Verantwortung endet nicht bei der Geburt, sondern beginnt dort erst. Dass sich der Kontakt zu meinen Söhnen im Laufe der Jahre verloren hat, gehört zu den schmerzhaften Erfahrungen meines Lebens.

Der Aufbau eines negativen Bildes meiner Person während meiner damaligen Abwesenheit entzog mir die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen. Heute bleibt mir nur der Wunsch, dass beide ihren eigenen Weg finden – so wie auch ich meinen zu finden versucht habe. Auch wenn Wege sich trennen, bleibt die Hoffnung bestehen, dass jeder seinen Platz im Leben findet.

K – wie Kommunikation
Die Fähigkeit zu kommunizieren scheint mir schon früh mitgegeben worden zu sein. Für mich basiert Kommunikation auf einem einfachen Prinzip: Ein Sender äußert etwas, ein Empfänger hört zu – und versucht zu verstehen. In der Realität erlebe ich jedoch häufig, dass Menschen eher aneinander vorbeireden, als wirklich miteinander zu sprechen.

Gute Gespräche entstehen nur dort, wo echtes Interesse am Gegenüber vorhanden ist. Viele Konflikte – im Kleinen wie im Großen – könnten vermutlich entschärft werden, … wenn echtes Interesse am Gegenüber vorhanden ist.

Viele Konflikte – im Kleinen wie im Großen – könnten vermutlich entschärft werden, wenn Dialog wieder ernst genommen würde. Angesichts weltpolitischer Spannungen stellt sich mitunter die Frage, weshalb Staaten große diplomatische Apparate unterhalten, wenn Verständigung dennoch so selten gelingt. Verständigung beginnt oft dort, wo Zuhören wichtiger ist als Rechthaben.

L – wie Leben
Mein vergleichsweise kurzes Leben begreife ich als Reise durch die Zeit – vielleicht sogar nur als eine irdische Durchreise. Robert verglich das Leben einmal mit der Funktionsweise eines Computers: Das Einschalten steht für die Geburt, dazwischen stehen uns unzählige Programme zur Verfügung, mit denen wir experimentieren können. Mit dem Ausschalten endet schließlich alles.

Trotz mancher Startprobleme empfinde ich mein Dasein rückblickend als eine Art Achterbahnfahrt – mit Höhen, Tiefen und unerwarteten Wendungen. In meinem Innersten sehne ich mich zwar nach ruhigerem Fahrwasser, doch vieles deutet darauf hin, dass auch künftig Turbulenzen nicht ausbleiben werden. Und vielleicht ist genau das ein Teil meiner Geschichte.

Für mich persönlich habe ich das Leben angenommen, wie es sich mir zeigt: nicht planbar, nicht immer gerecht, aber voller Möglichkeiten, Erfahrungen zu sammeln und daran zu wachsen. Unverständlich bleibt mir, wie manche ihr eigenes Leben kaum bewusst wahrnehmen oder es gar achtlos aufs Spiel setzen.

Denn selbst ein bewegtes Leben bleibt ein Geschenk – und jeder neue Tag bietet die Chance, ihm eine Richtung zu geben, die sich irgendwann richtig anfühlt.

L – wie Lernen
Der alte Spruch, dass nur der früh lernt, später bestehen könne, hat sich in meinem Leben als Irrtum erwiesen.

Lernen endet nicht mit der Jugend – es verändert nur seine Richtung. Während man früher Wissen anhäuft, lernt man später vor allem, Zusammenhänge zu erkennen, sich selbst zu hinterfragen und Erfahrungen neu einzuordnen.

Gerade Umwege, Irrtümer und schmerzhafte Einsichten haben sich im Rückblick oft als die nachhaltigsten Lehrmeister erwiesen. Vieles, was ich heute verstehe, konnte ich früher schlicht noch nicht verstehen – weil die nötige Lebenserfahrung fehlte. Erkenntnis braucht Zeit, manchmal Jahrzehnte.

Vielleicht besteht Reife weniger darin, alles zu wissen, sondern darin, offen zu bleiben für neue Einsichten. Wer bereit ist zu lernen, gibt sich selbst die Chance, auch spät im Leben noch neue Wege zu entdecken – und genau darin liegt eine leise, aber sehr tröstliche Form von Hoffnung.

M – wie Muss
Seit Kindertagen begegnet uns das Wort muss auf Schritt und Tritt: Du musst dieses, du musst jenes. Im Laufe meines Lebens habe ich gelernt, dieses Wort kritisch zu betrachten. Vieles, was als zwingend dargestellt wird, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Erwartung anderer – nicht als eigene Notwendigkeit.

Ein Mensch kann vieles tun, aber er muss erstaunlich wenig. Freiheit beginnt oft dort, wo wir beginnen zu prüfen, ob ein vermeintliches Muss wirklich eines ist. Nicht jede Forderung verdient Gehorsam, nicht jede Erwartung verdient Erfüllung.

Je klarer ich mir darüber wurde, desto mehr innere Ruhe gewann ich. Denn ein selbstbestimmtes Leben entsteht nicht durch Pflichten allein, sondern durch bewusste Entscheidungen. Und manchmal besteht die wichtigste Entscheidung darin, ein unnötiges Muss einfach nicht mehr anzunehmen. Muss engt ein. Kann entfaltet.

M – wie Mutter
Aufgrund meiner frühkindlichen Ausgangssituation hatte ich keine Möglichkeiten, eine frühe, selbstverständliche Mutterbindung zu entwickeln. Umso dankbarer bin ich meiner leiblichen Mutter, die mir – gegen damalige Widerstände – das Leben geschenkt hat. Ebenso danke ich meiner Adoptivmutter und meinem Adoptivvater, die mir ein familiäres Umfeld ermöglichten und mir durch ihr Vorbild Werte wie Verantwortung, Ethik, Verlässlichkeit, Respekt und Aufrichtigkeit vermittelten

Besonders prägend war auch die Mutter meines Adoptivvaters, meine bereits mehrfach erwähnte Oma Dine. Ihre Zuneigung und Zugewandtheit haben Spuren hinterlassen, die bis heute nachwirken.

Wir verstehen unsere Mütter nicht immer – und sie uns ebenso wenig. Doch oft erkennen wir erst spä-ter, wie sehr uns ihre Fürsorge geprägt hat. Rückblickend bleibt vor allem Dankbarkeit dafür, dass es Menschen gab, die uns Halt gaben, lange bevor wir selbst festen Boden unter den Füßen hatten.

N – wie Nächstenliebe
Wahre Nächstenliebe beginnt für mich dort, wo ein Mensch sich selbst annehmen kann. Wer sich selbst permanent ablehnt, wird es schwer haben, anderen aufrichtig mit Wohlwollen zu begegnen. Nächstenliebe bedeutet nicht große Worte oder moralische Überlegenheit, sondern gelebte Menschlichkeit im Alltag.

Oft sind es keine spektakulären Gesten, sondern kleine Zeichen der Aufmerksamkeit, die den größten Unterschied machen: zuhören, Zeit schenken, ernst nehmen. Gerade in schwierigen Momenten kann schon ein offenes Ohr mehr bewirken als materielle Hilfe.

Meine Erfahrung zeigt zudem, dass aufrichtiges Geben selten ohne Wirkung bleibt. Was wir an Aufmerksamkeit und Respekt weitergeben, findet häufig seinen Weg zu uns zurück. Vielleicht liegt darin eine einfache Wahrheit: Menschlichkeit vermehrt sich, wenn wir beginnen, sie zu praktizieren.

N – wie Neid
Neid ist für mich weniger ein Zeichen von Stärke als ein Hinweis auf innere Unzufriedenheit. Wer ständig auf das blickt, was andere besitzen oder erreicht haben, verliert leicht den Zugang zu den eigenen Möglichkeiten. Energie, die in Missgunst fließt, fehlt für die eigene Entwicklung.

Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, anderen ihren Erfolg zu gönnen, ohne mich dadurch kleiner zu fühlen. Jeder Lebensweg verläuft anders, und der ständige Blick auf andere macht selten zufriedener.

Wer seine Aufmerksamkeit stärker auf die eigenen Möglichkeiten richtet, gewinnt meist an Gelassenheit. Zufriedenheit entsteht nicht durch das Messen mit anderen, sondern durch die Bereitschaft, den eigenen Weg anzunehmen und weiterzugehen.

O – Ordnung
Für mich ist Ordnung kein Selbstzweck, sondern ein praktisches Hilfsmittel. Eine strukturierte Umgebung erleichtert mir den Alltag und spart Zeit, die sonst für unnötiges Suchen verloren geht. Ordnung bedeutet nicht Starrheit, sondern Klarheit.

Im Laufe meines Lebens habe ich viele unterschiedliche Lebensweisen kennengelernt. Dabei wurde mir bewusst, dass jeder Mensch seine eigene Form von Ordnung entwickelt. Was für den einen unverzichtbar ist, spielt für den anderen kaum eine Rolle.

Entscheidend scheint mir, eine Ordnung zu finden, die das eigene Leben erleichtert, statt es einzuengen. Denn Übersicht schafft Freiräume, Freiräume eröffnen Möglichkeiten – und Möglichkeiten erweitern unsere Freiheit.

P – Pervers
Was als pervers gilt, entsteht oft aus Moralvorstellungen und gesellschaftlichen Grenzziehungen. Was für den einen anstößig erscheint, kann für andere Ausdruck eines einvernehmlichen Bedürfnisses sein. Maßgeblich sind Freiwilligkeit, Respekt und Verantwortung.

Die eigentliche Perversion beginnt dort, wo Macht missbraucht wird – wo Schutzbefohlene sexueller, physischer und psychischer Gewalt ausgeliefert sind. In meinem Fall durch Kleriker der katholischen Kirche.

Diese Form der Perversion endet nicht mit der Tat. Sie wirkt nach – leise, hartnäckig, manchmal ein Leben lang. Selbst dann, wenn man glaubt, sie überwunden zu haben, bleibt sie Teil der eigenen Geschichte. Nicht sichtbar für andere, aber spürbar für den, der sie tragen muss.

Perversion liegt nicht in einvernehmlicher Andersartigkeit, sondern im Missbrauch von Vertrauen, Abhängigkeit und Würde. Dort, wo Macht Schutz verspricht – und stattdessen zerstört.

P – wie Positiv
Grundsätzlich bin ich ein Verfechter des positiven Denkens. Auch wenn täglich in Zeitungen, Fernsehen, Internet, Radio oder im direkten Umfeld vieles auf mich einströmt, das erschreckend, abscheulich oder schicksalhaft erscheint:

Negative Strömungen versuche ich von mir fernzuhalten, soweit es in meiner Macht steht. Eine lebensbejahende Grundhaltung kann helfen, schädliche äußere Einflüsse besser zu verkraften. Natürlich gelingt das nicht immer. Doch die grobe Richtung ist dem negativen Denken weit überlegen. Selbst aus belastenden Erfahrungen gelingt es mir häufig, eine persönliche positive Botschaft herauszufiltern.

Menschen, die mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung konfrontiert sind, kann ich nur ermutigen, ihre Situation nicht ausschließlich als Bedrohung zu sehen, sondern bewusst wahrzunehmen, dass selbst schwierige Lebensumstände eine neue Wertschätzung für das eigene Leben entstehen lassen können. Eine stabile Psyche kann dazu beitragen, Kräfte zu mobilisieren, die den weiteren Weg erleichtern.

Q – wie Qual
Oft höre ich, das Leben sei eine Qual. Ich sehe es eher so, dass viele Menschen es sich selbst zur Qual machen. Wenn ich das Wort Qual gedanklich durch Herausforderung ersetze, erhält es eine völlig andere Bedeutung.

Unser Leben kann mühsam, beschwerlich oder ungerecht erscheinen. Betrachten wir Schwierigkeiten jedoch als Herausforderungen, wächst die Freude umso mehr, wenn wir sie bewältigen. Und selbst wenn uns dies einmal nicht gelingt, eröffnet sich bereits die nächste Chance, daran zu wachsen. Niemand ist verpflichtet, immer als Sieger hervorzugehen. Entscheidend ist, den Mut nicht zu verlieren.

R – wie Resignation
In den letzten Jahren beobachte ich zunehmend eine gesellschaftliche Tendenz zur Resignation. Unsichere wirtschaftliche Rahmenbedingungen und schwer kalkulierbare politische Entwicklungen mögen dazu beitragen. Für mich ist Resignation oft ein Zeichen fehlender wahrgenommener Alternativen.

Aus eigenen Krisenzeiten kenne ich dieses Gefühl gut. Immer wieder musste ich mich zwingen, nicht aufzugeben, sondern nach Möglichkeiten zu suchen – und Möglichkeiten existieren fast immer. Der Gegenpol zur Resignation ist die Hoffnung.

Sie ist es, die uns die Kraft gibt weiterzugehen, auch wenn der Weg beschwerlich erscheint. Resignation bedeutet für mich eine Form der Selbstaufgabe, während Hoffnung Bewegung ermöglicht. Neben wolkigen Tagen hält das Leben stets auch sonnige bereit.

S – wie Seele
Erst mit etwa Mitte dreißig erkannte ich – auch durch meinen damaligen Freund Robert –, dass ich mich aus drei grundlegenden Elementen zusammensetze: Körper, Geist und Seele. Die Seele lässt sich schwer erklären. Ich vergleiche sie gern mit einer Pflanze: Selbst wenn sie vergeht, bleibt ihr Samen erhalten.

In meinem Verständnis sammelt die Seele Erfahrungen in der materiellen Welt und nutzt den Körper als Werkzeug. Der Körper ist vergänglich, die Seele hingegen entzieht sich unserer vollständigen Erklärung. In stillen Momenten habe ich das Gefühl, dass meine Seele mir viel zu erzählen hat. Auch meine Gedichte empfinde ich weniger als Produkte des Verstandes, sondern eher als Spiegel innerer Empfindungen.

T – wie Tod
Nach meinem Verständnis des Lebens – als eine Art Durchreise – fürchte ich den Tod nicht. Wenn er eintritt, ist der gegenwärtige Zustand bereits überwunden. Vielleicht rührt unsere Angst daher, dass uns früh vermittelt wurde, der Tod sei ausschließlich etwas Schreckliches.

Andere Kulturen betrachten ihn differenzierter. Auch ich wünsche mir einen friedlichen Tod ohne langes Leiden. Doch Leid entsteht oft dort, wo Loslassen schwerfällt. Der Tod kann – unabhängig von religiösen Vorstellungen – auch als Übergang oder Neubeginn verstanden werden.

U – wie USA
Schon als Kind war ich – wie viele meiner Generation – ein Bewunderer der USA. Gerade die Nachkriegsgeneration in Deutschland verband mit Amerika Hoffnung, Freiheit und kulturelle Impulse. 1988 reiste ich erstmals mit Heidi nach Florida, später auch mit Robert und Jascha. In den folgenden Jahren lernte ich weitere Teile der USA kennen, darunter Kalifornien, Nevada und New York.

Gleichzeitig entstand bei mir der Eindruck eines Landes, das stark von äußeren Bildern geprägt ist. Politische Entwicklungen lassen mich diese Weltmacht heute kritischer betrachten. Unabhängig von politischen Bewertungen bin ich dankbar, einer Generation anzugehören, die bislang keinen Krieg am eigenen Leib erleben musste.

V – wie Verlust
Ein Abschied von etwas kann zugleich ein Finden zu sich selbst sein. Wer loslässt, schafft Raum für Entwicklung. Auch ich musste lernen, mich von Menschen und Lebensumständen zu trennen, die nicht zu mir passten. Seit ich mich im Jahr 2000 endgültig von Thomas lösen konnte, haben sich meine Verlustängste deutlich verringert.

Rückblickend stelle ich häufig fest, dass vieles, von dem ich glaubte, es nicht entbehren zu können, später keine entscheidende Rolle mehr spielte. Verlustängste sind menschlich, doch sie lassen sich – allein oder mit Unterstützung – überwinden. Und Angst ist ein schlechter Ratgeber.

W – wie Weisheit
Weisheit betrachte ich als wichtigen Bestandteil eines erfüllten Lebens. Weise Menschen stehen oft über den Dingen, auch wenn sie nicht immer verstanden werden. Weisheit hängt nicht zwingend vom Bildungsgrad ab, sondern von der Fähigkeit, bewusst wahrzunehmen, zuzuhören und Erfahrungen einzuordnen.

Die Gedanken, die ich formuliere, sollen Anregungen sein, eigene Perspektiven zu überprüfen oder zu erweitern. Weisheit gehört zu den wenigen Gütern, die sich nicht kaufen lassen. Für mich ist sie eine hilfreiche geistige Stütze im Verlauf eines bewegten Lebens.

X – wie X-Faktor
Im Leben gibt es neben Planung, Fleiß und Disziplin immer auch eine unbekannte Größe: den X-Faktor. Er entzieht sich unserer Kontrolle und erinnert uns daran, dass nicht alles berechenbar ist. Manchmal ist es ein glücklicher Zufall, manchmal eine unerwartete Begegnung, manchmal auch eine Krise, die uns zwingt, neue Wege zu gehen.

Rückblickend betrachtet waren es häufig gerade diese unvorhersehbaren Momente, die meinem Leben eine neue Richtung gegeben haben. Der X-Faktor steht für das Unplanbare, das uns Demut lehrt und zugleich die Chance bietet, über uns selbst hinauszuwachsen. Vielleicht liegt gerade darin eine besondere Form von Weisheit: anzuerkennen, dass wir nicht alles steuern können – aber dennoch verantwortlich entscheiden, wie wir mit dem umgehen, was uns begegnet.

Und selbst in der modernen Welt scheint der Buchstabe X eine besondere Anziehungskraft zu besitzen. Man denke nur an Elon Musk, der Plattformen, Firmen und Projekte mit Vorliebe mit diesem geheimnisvollen Zeichen versieht. Vielleicht fasziniert uns das X gerade deshalb so sehr, weil es seit jeher für das Unbekannte steht – für das, was noch entdeckt werden will.

Y – wie Yin & Yang
Mit dieser alten chinesischen Philosophie kann ich mich gut identifizieren. Yin und Yang stehen für die zwei Seiten des Lebens, die einander nicht ausschließen, sondern ergänzen. Körper und Seele bilden für mich eine Einheit, die sich in einem ständigen Wandel befindet.

Mein Leben kennt Sonnenschein und Wolken, Bewegung und Stillstand, Aufbruch und Rückzug. Tradition und Veränderung stehen nicht im Widerspruch, sondern bedingen einander. Ich schätze sowohl den geraden als auch den gewundenen Weg. Zeit erscheint mir zugleich linear und zyklisch.

Auch wenn ich immer wieder aus meiner inneren Balance gerate, finde ich doch in der Regel zurück zu einem Zustand größerer Harmonie. Vielleicht besteht die eigentliche Aufgabe darin, Gegensätze nicht zu bekämpfen, sondern sie als Teil eines größeren Ganzen zu begreifen.

Z – wie Zitate
Zitate sind für mich verdichtete Lebenserfahrung. In wenigen Worten können sie Gedanken ausdrücken, für die wir sonst viele Seiten benötigen würden. Gerade ihre Kürze verleiht ihnen oft besondere Klarheit. Schon meine Großmutter sagte: In der Kürze liegt die Würze.

Manche dieser knappen Sätze begleiten mich seit vielen Jahren, weil sie Orientierung geben, ohne bevormunden zu wollen. Weisheit lässt sich nicht erzwingen, doch sie kann in einfachen Worten sichtbar werden. Die Kunst besteht oft darin, große Gedanken verständlich auszudrücken.

Z – wie Zukunft
Die Zukunft beschäftigt mich weniger als die Gegenwart. Sie kommt ohnehin – unabhängig davon, wie viele Pläne wir schmieden. Ebenso liegt die Vergangenheit bereits hinter uns, sobald wir einen Gedanken zu Ende gedacht haben. Entscheidend ist für mich der gegenwärtige Moment.

Hier und heute entstehen die Grundlagen für das, was folgt. Langfristige Pläne können Orientierung geben, doch das Leben bleibt in vieler Hinsicht unvorhersehbar. Ich vertraue darauf, dass sich vieles im Fluss der natürlichen Ordnung entwickelt. Aufmerksamkeit für den Augenblick erscheint mir daher sinnvoller als übermäßige Sorge um das Morgen.

Der allerletzte Schlussgedanke

Köln, im April 2026.

Meine letzten Gedanken zum damaligen Ur-Titel ‚Spiele Dein Leben‘, der heute seinen Platz in ‚Arschkarte – Eine deutsche Kindheit‘ gefunden hat.

Vor vielen Jahren, zu meiner Zeit in Essen, sagte Patrick, ein aufmerksamer Zuhörer und Sozialpädagoge der Krebsabteilung am Essener Klinikum, einmal zu mir: „Mike, wenn ich dein Leben Revue passieren lasse, sehe ich, dass du bislang einen gewaltigen Haufen an Scheiße hinterlassen hast.“

Ich gab ihm damals recht und versprach, diesen Haufen Stück für Stück abzutragen. Begonnen habe ich damit im Jahr 1998, als ich die ersten Zeilen meiner Autobiografie schrieb. Heute denke ich, dass der große Haufen von damals weitgehend beseitigt ist. Das bedeutet natürlich nicht, dass nicht gelegentlich ein neuer kleiner Haufen entsteht – auch künftig wird das wohl so bleiben. Der Unterschied ist: Ich habe gelernt, meine Haufen deutlich kleiner zu halten und vor allem, den Blick darüber hinweg wieder nach vorne zu richten.


Euch allen, meinen Wegbegleitern in der Zeit, wünsche ich, dass auch ihr einen klaren Blick über die Haufen eures eigenen Lebens gewinnen könnt.

In diesem Sinne grüßt Euch

Euer Freund der Zeit

Mike Schwarz

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