= L E S E P R O B E =

„Gute Erinnerungen Meißel in Stein, schlechte ins Wasser

Kapitel 4: Millennium – Einsame Jahre [1999 – 2001]

Wie ich im vorherigen Kapitel über Thomas bereits erwähnt habe, lebte ich bis zu unserer Trennung fünfundzwanzig Jahre lang in durchgängigen Beziehungen, in denen meine jeweiligen Partner wirtschaftlich von mir abhängig waren. Rückblickend waren es drei Langzeitbeziehungen, für die ich mich – im wahrsten Sinne des Wortes – kaputt malocht habe. Erst danach musste ich mühsam lernen, mit meinem Dasein als Single zurechtzukommen – was mir über Jahre hinweg sehr schwerfiel.

Wenn ich die beiden letzten, völlig sinnlosen und überflüssigen Gummibandjahre meiner Beziehung mit Thomas abziehe, war ich fast vier Jahre lang solo. Eine Zeit, die ich nicht vergessen kann – und vielleicht auch nicht vergessen möchte. Denn wieder einmal durfte ich in meinem Leben etwas Neues lernen: mir selbst dann zu helfen, wenn und wo mir sonst niemand mehr helfen kann.

Es waren nicht Therapeuten, die mir helfen konnten – das Schreiben brachte mich auf den Weg zu neuen Erkenntnissen und neuen Erfahrungen. An dieser Stelle noch einmal lieben Dank, BoVanKebo. Ohne dich wäre diese Autobiografie nie entstanden – und vieles andere auch nicht. Wir sollten uns nie persönlich begegnen. Aber wie BoVanKebo damals so treffend sagte: „Wir sind Freunde der Zeit.“ In einer E-Mail vom 20.12.1999 schrieb er mir, nachdem ich ihm das Vorwort dieser Autobiografie zugeschickt hatte, unter anderem:

Ich warne dich. Solltest du auch nur entfernt mit dem Gedanken spielen, dich von dieser Welt verabschieden zu wollen, so es fertig geschrieben ist, dann sei auf der Hut vor mir. Nur für dich würde ich ein Buch schreiben, um allen Menschen, die es lesen zu erklären, was für ein riesiger Idiot du bist. Ich nenne mich nicht neu ein Freund von dir, um deinen Abschied zu segnen. Ich freue mich auf dein Buch. Schreibe es, korrigiere es, so oft du willst, beginne es zehnmal oder einmal. Lass das Buch du selbst werden. Ich freue mich auf bald und sage dir, Mike, alles Liebe.“

Lars lernte ich im Zuge meiner Versuche kennen, die Naughty Boys Essen auf der Viehofer Straße wieder zum Leben zu erwecken. Er war bisexuell, sah aus meiner Sicht unheimlich gut aus, und was mich am meisten an ihm faszinierte, war seine Intelligenz – für die ich bekanntlich eine Schwäche habe.

Im Dezember 1999 widmete mir Lars ein Schreiben, das ich hier nicht vorenthalten möchte. Zwar schrieb er es für mich, doch offenbarte er darin zugleich seine eigenen Seelenqualen. Monate später erfuhr ich, dass er sich für längere Zeit in psychiatrische Behandlung begab – vom Leben enttäuscht, so wie ich. Hier der Originaltext von Lars:

Simon hatte gerade sein Abitur bestanden und leistete zu dieser Zeit seinen Zivildienst. Nach eigenen Angaben war er bisexuell. Er bekam auch noch die Trennungsphase zwischen mir und Thomas mit und war ehrlich genug, mir zu sagen, dass ich an Thomas’ Entscheidung, mich zu verlassen, nicht ganz unschuldig sei – womit er natürlich teilweise recht hatte.

Sein Elternhaus lag am Niederrhein, und er wohnte in einem kleinen Appartement in Neukirchen-Vluyn, wo ich ihn einige Male besuchte. Oft erzählte er mir von seinem Traum, nach Indien zu gehen, und wollte sich mit seiner Arbeit bei mir das dafür nötige Geld verdienen. Mit der Zeit wurden wir uns immer vertrauter.

Irgendwann erzählte er mir, dass er ein Problem habe, das er selbst nicht erklären könne. Er meinte, ohne es beweisen zu können, von seinem eigenen Vater in früher Kindheit sexuell missbraucht worden zu sein. Bis zu diesem Gespräch mit mir hatte er sich darüber noch nie jemandem anvertraut. Da Simon Geschwister hatte, riet ich ihm, diese zu diesem heiklen Thema zu befragen. In der Folge bestätigten sie ihm seine Befürchtungen, und erneut kam er mit diesem Problem zu mir. Da er inzwischen erwachsen war und auf eigenen Füßen stand, riet ich ihm schließlich, auch seinen Vater direkt darauf anzusprechen.

Er tat es – und sein Vater bestätigte die Vorwürfe und entschuldigte sich bei seinem Sohn für sein damaliges Verhalten. Simon verzichtete auf eine Anzeige, um seine Familie nicht auseinanderzureißen. Soviel dann wieder zum Thema: unter deutschen Dächern.

In Erinnerung geblieben sind mir vor allem Menschen, die mich auf meinem Weg ein Stück begleiteten und von denen ich etwas lernen konnte. Dazu zähle ich auch Joe. Joe, gute 15 Jahre jünger als ich, hatte ich viele Jahre zuvor einmal flüchtig in der Condor-Sauna in Oberhausen kennengelernt – derselben Sauna, in der ich auch Robert begegnet war. Danach verloren wir uns aus den Augen. Erst in Essen trafen wir uns wieder, als Joe ein Inserat der Naughty Boys las und sich als Gesellschafter bewarb.

Er erzählte mir, dass er schon in jungen Jahren als Callboy gearbeitet hatte. Joe war Friseurmeister, was für mich und meinen Kopf sehr praktisch war. Da er selbst offen damit umging, erwähne ich auch, dass Joe HIV-positiv war. Ich hatte mein Leben lang keine Probleme im Umgang mit Menschen, die von dieser gottverdammten Infektion betroffen waren. Besonders bewunderte ich an Joe, dass er als Aktivist auch in Schulen ging und Jugendliche über die Gefahren ungeschützten Geschlechtsverkehrs aufklärte – anhand seines eigenen Beispiels.

Marion war nicht besonders attraktiv. Die beiden behielten ihre jeweiligen Wohnungen, besuchten sich gegenseitig, gingen zusammen aus, flogen gemeinsam in den Urlaub und entdeckten dabei ihre Leidenschaft fürs Tauchen. Trotz Joes mehrfacher Bitten versuchte Marion immer wieder, sich ihm auch sexuell zu nähern. Das nervte Joe irgendwann so sehr, dass er die Scheidung einreichen wollte. Dazu kam es jedoch nicht mehr.

Marion fuhr eines Wochenendes allein zum Bodensee, um dort zu tauchen. Durch einen tragischen Unfall erledigte sich das geplante Scheidungsverfahren auf grausame Weise. In der Folge bewunderte ich Joe sehr. Er versuchte nicht, sich an Marions Erbe zu bereichern, sondern überließ es – bis auf einen Betrag von 10.000 DM – vollständig ihren Eltern.

Nach meinem Umzug nach Köln im Jahr 2000 schlief unser Kontakt langsam ein. Wir trafen uns noch ein paar Mal oder telefonierten gelegentlich. Das Letzte, was ich von Joe hörte, war, dass er versuchen wolle, sein Glück in Lübeck zu finden. „Ich wünsche auch dir, Joe, als einem Freund der Zeit, dass deine Wünsche in Erfüllung gegangen sind und du bei guter Gesundheit bist.“

An diesem Abend versuchte ich wohl, mit Ralf – damals Mitte dreißig – ins Gespräch zu kommen. Um dem zu entgehen, verfiel er spontan ins Englische. Da ich offensichtlich schon etwas getrunken hatte und Alkohol bekanntlich meine Sprachblockade löst, antwortete ich ihm in beinahe perfektem Englisch. Ich meine mich zu erinnern, ihm noch ein Bier ausgegeben zu haben, bevor ich mich wieder meinen Begleitern und den Gästen widmete.

Später sah ich Ralf gelegentlich im Karussell wieder, doch wir wechselten meist nur Höflichkeitsfloskeln. Von Joe erfuhr ich, dass die beiden sich ebenfalls gut kannten. Ralf war damals verheiratet, hatte zwei Söhne – so wie ich – und arbeitete als Europamanager in einem sehr gut bezahlten Job für einen international tätigen amerikanischen Telekommunikations-Konzern.

Noch vor unserem eigentlichen Kennenlernen hatte ich gehört, dass Ralf auf der Autobahn A52 einen schweren Verkehrsunfall gehabt hatte. Er fuhr – wie er mir später glaubhaft berichtete – mit etwa 200 km/h auf der geraden, dreispurigen Autobahn, als sein neuer Audi A6 plötzlich aus unerklärlichen Gründen von der Fahrbahn abkam. Das Auto schoss über die Leitplanke direkt in die Bäume. Auf den Fotos in der Zeitung hätte niemand geglaubt, dass jemand diesen Unfall überleben konnte. Leider kam ein junger, schwuler Mann dabei ums Leben, ein weiterer wurde schwer verletzt.

Ralf überlebte – lag jedoch wochenlang im Koma. Alkohol war nicht im Spiel. Er war ein routinierter Fahrer. Seine Vermutung ist bis heute ein technischer Defekt des Fahrzeugs, den er jedoch nie beweisen konnte. Während seines Komas ließ seine Ehefrau das Auto nach der Begutachtung verschrotten. Diese bezaubernde Frau Gemahlin sollte ihn später auch finanziell ruinieren.

Sie erklärte seinem Arbeitgeber kurzerhand seinen Tod – während er noch im Koma lag – woraufhin er seinen gut bezahlten Arbeitsplatz verlor. Ralf besaß damals eine Villa, Pferde und vieles andere mehr. Während seines Komas verschleuderte seine Frau große Teile dieses Vermögens. Darüber hinaus bestellte sie in seinem Namen Waren bei Versandhäusern, ohne sie jemals zu bezahlen.

So finde ich heute noch eine E-Mail von ihm in meinen Unterlagen, die er mir Silvester 1999 schrieb: „Hallo, Mike, vielen Dank noch mal für den schönen Abend und dem guten Essen. Als ich mal ein wenig in meinen poetischen Erinnerungen gestreift habe, fiel mir ein Vers von [wem auch immer] ein, den ich ganz passend fand: Ich bin die geländerlose Brücke und auch das Wildwasser, über das sie führt. Wenn du hineinstürzt, klage nicht über die Existenz des Wildwassers. Lerne besser zu balancieren! In diesem Sinne vergiss auch nicht meinen Spruch: …was dich in der Vergangenheit nicht umgebracht hat, das wird es auch nicht in der Zukunft schaffen … [Durchhalten].“

Einige Tage später, tief in der Nacht – es war etwa halb drei –, klingelte es bei mir Sturm. Noch völlig verschlafen stand ich auf, ging ans Fenster und sah unten vor dem Haus drei Streifenwagen mit Blaulicht stehen. An der Sprechanlage meldete sich ein Mann und gab sich als Polizist zu erkennen. Ich solle sofort die Haustür öffnen. „Ich denke gar nicht daran“, antwortete ich – und ließ es dabei.

Wie sich später herausstellte, hatte der somalische Hausherr im Suff seinen Haustürschlüssel irgendwo draußen verloren und konnte deshalb nicht mehr ins Haus. Also rief er die Polizei und behauptete dort, ich hätte das Haustürschloss ausgebaut. Noch in derselben Nacht rief ich selbst den Notruf 110 an und beschwerte mich eine halbe Stunde lang darüber, dass drei Streifenwagen anrücken mussten, nur weil jemand zu blöd war, an seiner eigenen Wohnung zu klingeln. Immerhin übernachteten dort regelmäßig zehn oder mehr Leute. Der Beamte am Telefon zeigte zwar Verständnis für meine Wut – aber die Somalis entfernte das natürlich auch nicht aus dem Haus.

Nun ja – auch dieser gute Mann sollte sich irren. Etwa zwei Jahre später war an meinem Hintern wieder alles halbwegs in Ordnung. Die bisherigen Nachuntersuchungen deuten darauf hin, dass der Krebs tatsächlich besiegt sein könnte. Die häufigen Besuche in der Kölner Strahlenklinik brachten mir allerdings noch eine andere wichtige Erkenntnis: Ich begann zu begreifen, wie gut es mir im Vergleich zu manchen meiner Leidensgenossen eigentlich noch ging.

Während meiner Wartezeiten im Wartezimmer sah ich, wie erbarmungslos die Natur sein kann. Von fragmentierten, verstrahlten Gesichtern bis zu Menschen, die nur noch mithilfe medizinischer Geräte am Leben gehalten wurden – meinen Augen blieb kaum etwas von diesem viel größeren Elend verborgen. Und meine Augen hatten in diesem Leben bereits viel gesehen. Seit jener Zeit empfehle ich Menschen, die mir ihr kleines persönliches Leid klagen, gelegentlich einen Besuch in der Strahlenklinik. Ein kurzer Blick dorthin relativiert so manches Problem erstaunlich schnell. Meist hört das Gejammer danach von ganz alleine auf. Falls nicht, helfe ich gerne mit ein paar praxisnahen Vergleichsbeispielen nach.

Bei seinem Einzug hatte er mir sogar angeboten, mir seinen Personalausweis zu zeigen. Ich hatte dankend darauf verzichtet – ein Fehler, wie sich später herausstellte. Falls es überhaupt sein eigener gewesen wäre. Damit blieb mir auch die Möglichkeit einer Anzeige verwehrt, da ich seine wahre Identität nicht kannte. Einzelverbindungsnachweise meines Festnetzanschlusses zeigten später zwar, dass er häufig nach Stuttgart und nach Österreich telefoniert hatte. Doch auch das half mir nicht weiter, da die Telekom die letzten vier Ziffern der Telefonnummern aus Datenschutzgründen schwärzte. So blieb mir am Ende nur die Erkenntnis: Ich war um einige Vermögenswerte ärmer – dafür aber um eine Erfahrung reicher. Auf diese Erfahrung hätte ich allerdings gut verzichten können.

Rückblickend könnte man meinen, dass mich solche Erfahrungen misstrauisch oder gar zynisch hätten machen müssen. Nach meiner Kindheit im Heim und den vielen Enttäuschungen durch Menschen, denen ich vertraut hatte, wäre das vielleicht sogar verständlich gewesen. Doch ich wollte mir eines nicht nehmen lassen: den Glauben daran, dass im Kern der meisten Menschen auch etwas Gutes steckt. Vielleicht war es Naivität. Vielleicht aber auch nur der Versuch meiner Seele, nicht völlig zu verbittern. Ohne diesen Rest an Vertrauen hätte ich vermutlich längst aufgehört, mich überhaupt noch auf andere Menschen einzulassen. Und wie sich im Laufe meines Lebens noch zeigen sollte, blieb Alois leider nicht der Letzte, der dieses Vertrauen missbrauchte.

Keine zwei Meter entfernt lag dort ein vergammelter Rucksack. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Irgendetwas daran fühlte sich falsch an. Um kein unnötiges Risiko einzugehen, bat ich meinen nicht gerade für seine Intelligenz bekannten Bekannten, sich den Inhalt des Rucksacks einmal unauffällig anzuschauen. Er tat es – und wir fanden darin neben einer beachtlichen Menge an teilweise mir unbekannten Drogen auch Bargeld in Höhe von 1.500 Mark.In diesem Moment ging mir der Arsch auf Grundeis.

Nachdem wir uns überzeugt hatten, dass wirklich niemand in der Nähe war, verschwanden wir erst einmal schnell mit dem Rucksack. An einem sicheren Ort teilten wir die Beute brüderlich auf und gingen anschließend getrennte Wege. Den größten Teil der Drogen verkaufte ich über einen Bekannten und behielt nur eine ordentliche Menge Gras und etwas Opiumteer.

So, nun gehe ich wieder zurück in das Jahr 2000. Die eigentliche Geschichte meiner Kindheit – Heimjahre, Adoption und die Lebenslügen, mit denen ich aufwuchs – habe ich bereits im ersten Band dieser Autobiografie erzählt. Doch eines ließ mich auch Jahrzehnte später nicht los: die Frage nach meinen eigenen Wurzeln.

Fragt mich nicht warum, aber durch meinen Wohnsitz in Köln kam ich auf die Idee, das hiesige Jugend-amt aufzusuchen. Ich wusste, dass mein damaliges Adoptionsverfahren über das Kölner Jugendamt abgewickelt worden war. Anfang Dezember suchte ich daher das Jugendamt auf der Johannisstraße auf, wo es damals noch untergebracht war. Dort traf ich auf einen außerordentlich zuvorkommenden und verständnisvollen Beamten – eine eher seltene Erfahrung in dieser Berufsgruppe. Ich gab ihm die wenigen Daten, die ich über meine Adoption kannte, und er versprach mir, zu recherchieren.

Meine Verbindung zu meiner Halbschwester Lu, die ich später auch in Berlin besuchte und bei der ich meinen Neffen Merlin kennenlernte, endete schließlich mit einem Brief von ihr vom 21. März 2002. Auch daraus gebe ich nur einige Passagen wieder: „Lieber Mike, unser gestriges Telefonat hat mir deutlich gemacht, dass es Dinge in deinem Leben gibt, mit denen ich nicht klarkomme … Ich führe ein ganz anderes Leben, vielleicht sogar ein biederes im Vergleich zu deinem. Ich möchte nicht immer mehr über Dinge erfahren, die mich innerlich in einen Konflikt bringen. Dass du schwul bist, finde ich wunderbar. Aber Teile deines Sexuallebens betreffen allein dich …“

Ja, Lu, auch dich musste ich schließlich wieder aus meinem Leben entlassen. Schweren Herzens zwar – aber deine Entscheidung war eindeutig. Vielleicht wirst du eines Tages diese Autobiografie lesen und deinen Halbbruder dann doch noch ein wenig besser verstehen. Auch dir und Merlin wünsche ich alles Glück dieser Erde.

Bei meinem ersten Besuch in Simmerath erfuhr ich von meiner Verwandtschaft noch eine weitere bemerkenswerte Geschichte: Eine Schwester meiner biologischen Mutter und ihr Mann waren im Jahr 2000 beim Absturz der Air-France-Concorde in Paris ums Leben gekommen. Eine Ironie des Lebens? Gerade diese Tante, wie ich später erfuhr, hätte mein Schicksal möglicherweise verändern können. Sie blieb kinderlos und war mit einem wohlhabenden Architekten verheiratet. Vielleicht hätte sie mich damals zu sich nehmen können – und mir damit die Jahre in Heimen erspart. Es blieb jedoch bei solchen Gedankenspielen.

Im Zusammenhang mit dem Unglück wurde ich gefragt, ob ich mich als Angehöriger in die Reihe der Anspruchsberechtigten für einen Schadensersatzprozess gegen Air France, Goodyear und andere einreihen wolle. Ich nahm dieses Angebot an – nicht aus finanziellen Gründen, sondern weil ich es als eine Form ausgleichender Gerechtigkeit empfand. Ironischerweise verdanke ich dieser unerwarteten Geldquelle unter anderem auch den Computer, auf dem ich diese Zeilen heute schreibe.

Gutmütig – oder schlicht bescheuert, wie ich heute sagen würde – willigte ich ein und nahm Thomas mit in den Zug nach Essen. Selbstverständlich durfte ich auch noch seine Fahrkarte bezahlen. Während der Hinfahrt erzählte er mir mit halbwegs klarem Verstand einige wirre Episoden aus seinem Leben. Schon nach wenigen Minuten war mir klar, dass ich es hier mit einem hoffnungslosen Fall für die Psychiatrie zu tun hatte. Wir vereinbarten, dass ich nach meinem Termin an einem bestimmten Treffpunkt im Essener Hauptbahnhof auf ihn warten würde, um gemeinsam nach Köln zurückzufahren.

Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Thomas war stark medikamentenabhängig und litt offenbar an einer Borderline-Störung mit hoher Suizidgefahr. Während meines Termins nutzte er die Zeit, um sich am Bahnhof irgendwelche Medikamente zu besorgen, die ihn offenbar ins Jenseits befördern sollten. In völlig desolatem Zustand fand ich ihn später an unserem Treffpunkt wieder. Mehr tot als lebendig schleppte ich ihn zurück in den Zug nach Köln.

Ein, zwei Monate zuvor lernte ich Alessandro kennen. Er war ein bildhübscher, sensibler junger Mann italienischer Herkunft, der gelegentlich für mich als Callboy arbeitete. Vermittelt hatte ihn mir ausgerechnet ein guter Bekannter von mir – ein Kölner Kriminalbeamter. Später schlug Alessandro einen völlig anderen Weg ein und ließ sich zum Kita-Erzieher umschulen. Auch wir verloren uns mit den Jahren aus den Augen.

An einem warmen Maitag 2001 schaffte es schließlich Alessandro, mich aus meinem Appartement zu zerren. Wir gingen zum Aachener Weiher und legten uns ins Gras. Während ich in die Baumkronen blickte, wurde mir plötzlich bewusst, dass ich seit Wochen kaum noch wahrgenommen hatte, dass es draußen überhaupt eine Welt gab. Dann drückte ich meine Nase in das Gras und roch den Boden. In diesem Moment kehrte ein Gedanke zurück, der mir beinahe verloren gegangen wäre: Du willst leben.

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