„Der Mensch erkennt die Wahrheit selten am Anfang einer Beziehung – meist erst an ihrem Ende.“
Kapitel 5: Jascha – Ein fauler Kompromiss [2001 – 2010]
Jetzt aber zu Jascha S. und meiner Zeit mit ihm. Nach den für mich traumatischen Erlebnissen mit meinem Ex Thomas und den diversen Enttäuschungen aus dem – hier nur auszugsweise geschilderten – Kapitel 4 ‚Millennium – Einsame Jahre‘ hatte ich mir geschworen, in meinem Leben keine Beziehung mehr einzugehen. Nie wieder. Aber erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.
>2009< Mike & J.
Bis zum Jahr 2001 war ich an einem Punkt angekommen, an dem ich beschlossen hatte, mich auf der Gefühlsebene von niemandem mehr verletzen zu lassen. Dann lernte ich Jascha kennen.
Wie wir uns kennenlernten, lässt sich schnell erzählen. Am 01.07.2001 war ich mal wieder in der Phoenix-Sauna, die damals noch an der Kettengasse in Köln lag. Eigentlich war ich mit meinem Saunagang – und auch mit meiner sexuellen Betätigung – schon fertig. Ich lag noch unten in einer der Ruhekabinen – diesmal tatsächlich nur, um mich auszuruhen – und wollte mich gleich auf den Weg zur Ankleide machen, um nach Hause zu gehen.
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Der Ehrlichkeit halber muss ich sagen: Jascha war keine Liebe auf den ersten Blick. Rückblickend bin ich mir nicht einmal sicher, ob es überhaupt je eine klassische Liebe zwischen uns war. Ich fühlte mich damals eher zu blonden Männern hingezogen, und Jascha ist schwarzhaarig. Außerdem ist er achtzehn Jahre jünger als ich. Dazu kommt: Er ist eher introvertiert, während ich der extrovertierte Typ bin. Gegensätzlicher hätte eine Beziehung also kaum beginnen können.
Auffällig ist allerdings noch etwas anderes: Meine Partner wurden im Laufe der Jahre immer jünger. Das war jedoch kein bewusstes Jagdrevier meinerseits, sondern eher Zufall. Eigentlich suchte ich immer jemanden ungefähr in meinem Alter – vorzugsweise mit etwas Hirn im Schädel. Heidi war vier Jahre jünger als ich, Robert sieben, Thomas zwölf und Jascha bereits achtzehn Jahre. Und derjenige, der später noch kommen sollte, setzte dem Ganzen noch die Krone auf: sechsunddreißig Jahre Unterschied. Dass dabei immer nur erwachsene Männer infrage kamen, versteht sich von selbst.
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Überhaupt war meine Beziehung mit Jascha die einzige, in der ich nicht in die Familie integriert war – was ich in diesem Fall allerdings auch nicht vermisste. er stammte aus einer plattdeutschen, streng religiösen mennonitischen Sippschaft. In diesen Kreisen wurde seit Generationen überwiegend untereinander geheiratet, was sich auch in den unverkennbaren Familienzügen bemerkbar machte. Diese protestantische Glaubensgemeinschaft ging auf den niederländischen Reformator Menno Simons im 16. Jahrhundert zurück.
Im Laufe der Jahrhunderte verbreiteten sich die Mennoniten von den Niederlanden über Preußen und Russland weiter nach Nord- und Südamerika. Heute finden sich größere mennonitische Gemeinschaften unter anderem in Kanada, den USA, Mexiko, Belize, Paraguay und Bolivien. Viele dieser Gruppen leben bis heute relativ abgeschottet, sprechen untereinander Plautdietsch und pflegen eine sehr konservative religiöse Lebensweise.
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Dennoch versuchte ich weiterhin, wieder einer geregelten Tätigkeit nachzugehen. Gegen Ende meiner Singlezeit und noch zu Beginn meiner Beziehung mit Jascha überführte ich Leihwagen, lud nachts tonnenweise Zeitungen beim DuMont-Verlag ein und brachte sie zu einem Dutzend Sammelstellen, arbeitete als Nachtkassierer an einer Tankstelle und holte eine Zeit lang halbtags Befunde, Röntgenbilder und Blutproben bei Ärzten ab.
Dabei musste ich allerdings feststellen, dass sich reguläre Arbeit für mich kaum lohnte. Von den damals noch üblichen 630-DM-Jobs zog mir das Sozialamt großzügig 530 Mark von der bewilligten Sozialhilfe wieder ab. Das brachte mich schließlich dazu, diese Nebenjobs wieder aufzugeben.
Der zuständige Sachbearbeiter meinte damals noch, ich hätte das vorher mit ihm absprechen müssen. Nun ja – was ich muss und was ich nicht muss, überließ ich dann doch lieber mir selbst. Wer arbeitet schon einen ganzen Monat lang für die verbliebenen hundert Mark, teilweise noch unter lebensgefährlichen Bedingungen?
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Immerhin hatte Jascha auch diesmal bewiesen, dass er zu mir stand – und das rechne ich ihm bis heute hoch an. Schon bald folgte die nächste Geschäftsidee, die erneut eine Internetpräsenz erforderte. Dass auch diese nichts taugte, ist hier eigentlich nebensächlich. Wichtig ist vielmehr, dass Jascha Ende 2002 irgendwann zu mir sagte: „Hör mal zu, ich bin es leid, dir ständig für deine Geschäftsideen Homepages zu bauen. Das kannst du auch selbst.“ In diesem Moment brach für mich eine kleine Welt zusammen. Doch er blieb hart – und ich verzweifelt.
Ich weiß nicht mehr, wie viele hundert Stunden ich für meine erste selbst erstellte Homepage investierte. Ich erinnere mich nur noch daran, mehr als einmal kurz davor gewesen zu sein, den Computer aus dem Fenster der vierten Etage zu werfen. Mit seiner Engelsgeduld und tatkräftigen Unterstützung konnte Jascha das jedoch immer wieder verhindern.
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Kurz nachdem ich mit Jascha zusammen war, entdeckte ich den Gaychat mit seinen nach Regionen gegliederten Räumen, natürlich auch einem für Köln. Als ich diesen das erste Mal betrat, kam es mir vor wie der Friedhof der Kuscheltiere – oder anders: wie das Schweigen der Lämmer. Absolut tote Hose. Also nahm ich mir vor, diesem Raum etwas Leben einzuhauchen. Und das gelang mir zunächst auch. Zumindest glaubte ich das.
Chats – insbesondere schwule – haben ihre eigenen Spielregeln. Gleichzeitig erkannte ich, dass es viele Menschen gab, die aus ihrer Anonymität heraus wollten, dazu aber keine Möglichkeit hatten. Also begann ich, als Erster über dieses Medium reale Chattertreffen im Raum Köln zu organisieren – etwas, das es dort bis dahin nicht gab. Ich zog das durch, trotz Widerständen, und es folgten einige – mal mehr, mal weniger amüsante – Treffen. Jascha nahm an dem einen oder anderen der von mir organisierten Veranstaltungen teil, hielt sich ansonsten aber weitgehend aus dieser Welt heraus.
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Aber auch in dieser Zeit lernte ich wieder etwas dazu: Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner. Außer Jascha war in dieser schweren Zeit niemand bereit, mir praktische Hilfe anzubieten – zumindest niemand, der wirklich etwas bewirkt hätte, obwohl ich mich an mehrere Stellen gewandt hatte, die für solche Fälle eigentlich zuständig sind. Stattdessen gab es wieder einmal nur Menschen, die meinten, mir gute Ratschläge erteilen zu können, aber vom Gerede wird bekanntlich kein Mensch satt. Wenn ich heute einen guten Rat brauche, hole ich mir den anonym aus dem Internet – nicht bei irgendwelchen desinteressierten oder unqualifizierten Sozialarbeitern.
Ich lernte in diesen Wochen noch etwas anderes: wie sehr unsere Beamten den Begriff ‚sozial‘ tagtäglich mit Füßen treten. Für viele scheint er nichts weiter als eine leere Worthülse zu sein, während sie selbst pünktlich ihr fettes Gehalt erhalten und sich eines sicheren Ruhestandes gewiss sein dürfen. Ich kann heute jeden verstehen, der an diesem System verzweifelt und irgendwann resigniert. Trotz meiner gesundheitlichen Einschränkungen war ich zum Glück noch in der Lage, für meine Rechte zu kämpfen. Und ich hatte jemanden an meiner Seite: Jascha. Glaubte ich zumindest.
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Dass neben der Mietkaution bei jedem Umzug weitere Kosten anfallen, ist allgemein bekannt. Meine Bitte, mir dafür 500 Euro zu leihen, lehnte Jascha jedoch strikt ab. Obwohl er aus meiner Sicht eine mora-lische Mitverantwortung an meiner finanziellen Misere trug – schließlich hatte er unsere gemeinsame Woh-nung ohne mein Wissen gekündigt –, war ich gezwungen, meine Hublot-Armbanduhr, die ich mir 1989 für 3.500 Euro geleistet hatte, für 500 Euro ins Pfandhaus zu bringen.
Als ich die Uhr, von der Jascha genau wusste, welche Bedeutung sie für mich hatte, nach sechs Monaten nicht mehr auslösen konnte, wurde sie versteigert und war für mich endgültig verloren. Dieses Verhalten habe ich ihm bis heute nicht verziehen.
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Ein anderes Erlebnis spielte sich im Regenbogencafé der Kölner Aidshilfe ab. Ein Besucher erklärte, er habe kein Geld für eine Mahlzeit. Trotz anwesender Mitarbeiter griff niemand ein. Erst ein anderer Gast übernahm die Kosten. Solche Situationen haben mein Verständnis von Hilfe nachhaltig geprägt.
Auch kleinere Begebenheiten führten zu diesem Entschluss. So etwa, als ein Besucher wegen eines Hundeverbots bei eisiger Kälte vor der Tür warten musste. Ich übernahm kurzerhand die Betreuung des Tieres, damit sein Besitzer in Ruhe essen konnte.
Aus diesen und ähnlichen Erfahrungen entstand mein Engagement, praktische Unterstützung zu leisten, statt sie nur theoretisch zu diskutieren. Mit der Zeit wurde mir die gesamte Tragweite des Themas immer bewusster. Gleichzeitig beobachtete ich Entwicklungen, die ich kritisch sah, etwa den zunehmenden Verzicht auf Schutzmaßnahmen. Ohne zu moralisieren, halte ich es dennoch für notwendig, sich der eigenen Verantwortung bewusst zu sein.
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In der Kommunikation zeichnete sich Jascha nur durch eine Handvoll Themen aus: Mathematik, Familie, mennonitische Religion, die Filmwelt, seinen Freundeskreis aus Studienzeiten in Paderborn und seine Arbeit. Kurzum: allesamt Themen, die mich nicht oder nur peripher interessierten. Meine eigenen, deutlich breiter gefächerten Interessengebiete interessierten ihn jeweils für maximal zehn Minuten. Falls überhaupt. Eine Basis, die – wie sich zeigen sollte – als Garant für eine neunjährige Zweckgemeinschaft ausreichend war.
Auch seine Grenzen zwischen Sparsamkeit und Geiz waren fließend. Dies zeigte sich nicht nur in seinem einfachen Kleidungs- und Einrichtungsstil, sondern auch in kulinarischen Belangen. Für den Fall, dass er sich einmal an den Herd stellte, mussten die Rezepte seiner russischstämmigen Mutter herhalten. Seine stets gleichen Kochkünste beschränkten sich auf Borschtsch, Soljanka, Pelmeni, Fleischtaschen und eine scheußliche Okroschka, eine kalte Suppe. Während unserer Wohngemeinschaft auf der Taubengasse fühlte ich mich häufig in die traditionelle Frauenrolle der Jahrhundertwende versetzt, während Monsieur sich um die finanziellen Belange kümmerte.
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Von der auf dem Kahn angebotenen umwerfenden Unterhaltung, den faszinierenden Nervenkitzeln und den unübertroffenen Aktivitäten für Abenteuerfreunde haben wir weder etwas gesehen noch etwas gehört. Dafür gab es tagein, tagaus betrunkene Amerikaner und schlecht gekleidete, körperlich überdimensionierte Amerikanerinnen, die sich aufführten wie deutsche Kegelschwestern auf Mallorca. Selbst die Nutzung des Außenwhirlpools morgens um zehn Uhr war nicht möglich, da es a) viel zu kalt und b) bereits voll besetzt war – unter anderem mit sich übergebenden Amis in schlabberigen Bermudashorts und T-Shirts. Ähnlich unerquicklich gestaltete sich die amerikanische Esskultur am kalten und warmen Buffet. Nassau auf New Providence Island kannte ich bereits von einem gemeinsamen Urlaub mit Robert, und für einen Abstecher nach Grand Bahama reichte die Zeit gerade, um sich die Füße zu vertreten und unter Heizlüftern am Hafen einen Kaffee zu trinken.
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Nachdem ich diese Nachricht erhalten hatte, war mir aufgrund meiner Überzeugung klar, dass die Seele des Toten die Kabine nicht verlassen hatte. Als ich am folgenden Donnerstag erneut meinen Dienst antrat und die dritte Etage betrat, hatte ich sofort das Gefühl, dass seine Seele noch immer dort war. Ich weigerte mich daraufhin, die Kabine zu reinigen – nicht, weil ich Angst hatte, sondern weil ich nicht wusste, wie ich diese Seele befreien könnte.
Ich wandte mich mit meinem Anliegen an die Vorarbeiterin, die mich ernst nahm und mich nicht der Lächerlichkeit preisgab. Gemeinsam gingen wir zurück. Sie schüttete eine Packung Salz in den Wassereimer und reinigte die Kabine.
Als ich nach der Frühstückspause die Kabine betreten wollte, spürte ich noch immer diese unheimliche Anwesenheit. Aus meiner Zeit mit Robert erinnerte ich mich daran, dass man verlorene Seelen durch Kerzenrauch befreien könne. Kurzerhand besorgte ich einige Kerzen und zündete sie auf dem Kabinenboden an. Kurz darauf spürte ich einen Luftzug, der an mir vorbeistrich und in Richtung eines kleinen Lüftungsfensters zog. Ich atmete auf – in diesem Moment wusste ich, dass der Spuk vorbei war.
Jascha hätte für ein solches Erlebnis vermutlich eine nüchterne Erklärung gefunden oder es als Einbildung abgetan. Für mich jedoch blieb es eine jener Erfahrungen, die sich weder beweisen noch widerlegen lassen – und die gerade deshalb ihren festen Platz in meiner Erinnerung behalten.

>2009< Bahamas
Während ich mich täglich quer durch die Dünen von Maspalomas zum Tuckenstrand aufmachte, verbrachte Monsieur seine Zeit überwiegend im Zimmer oder am Pool und hörte über seinen Walkman Hörbücher. Weder zu einer Fahrradtour noch zur Anmietung eines Autos ließ er sich bewegen. Nach mehreren vergeblichen Versuchen gab ich meine Bemühungen schließlich auf. Die Abende verbrachten wir ebenso monoton in der von zwei Kölnern betriebenen Schwulenbar Adonis. Um mit den zahlreichen anderen Mikes nicht verwechselt zu werden, führte ich dort mit einigem Erfolg ein, dass man mich fortan ‚der Mike‘ zu nennen habe.
Am vorletzten Tag vor unserer Heimreise drehte sich Jascha morgens gegen neun Uhr im Bett zu mir um und sagte lediglich: „Ich mache mit dir Schluss.“ „Okay“, antwortete ich – und dachte insgeheim: endlich. Bei Robert und Thomas konnte ich in der Trennungsphase weinen. Bei Jascha nicht. Nichts. Null. Von diesem Zeitpunkt an wechselten wir kein Wort mehr miteinander. Wozu auch? Eine Erklärung für seine Entscheidung blieb er mir bis heute schuldig. Musste er auch nicht. Ich konnte mir denken, warum: Matthias. Jahre später begegneten wir uns zufällig noch einmal vor dem Sparkassengebäude am Ebertplatz. Unsere ‚Unterhaltung‘ bestand aus einem kurzen „Wie geht’s?“ und einem noch kürzeren „Gut.“
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